Stadtflucht oder Landflucht?

Die Pandemie hat dem Wunsch nach einem Häuschen im Grünen einen weiteren Schub verpasst

Selbst in den entferntesten Regionen steigen die Preise für Bauland drastisch. (Symbolbild: Gerd Altmann)
Selbst in den entferntesten Regionen steigen die Preise für Bauland drastisch. (Symbolbild: Gerd Altmann)

 

Von Jürgen Muhl

 

Weg vom flachen Land, rein in die Städte. Wenn es denn bezahlbar ist. Oder: Raus aus der Stadt, hin aufs Land. Dort lebt es sich billiger und die Corona-Ansteckungsgefahr mag geringer sein. Und - ein neuer Aspekt in Zeiten des Krieges - beim ländlich strukturierten Bäcker in der Ortsmitte gibt es auch in schlechten Zeiten etwas zu holen. Was in der Anonymität der Großstadt schwieriger ist. All dies sind Aspekte, die den Immobilienmarkt in den Metropolen, aber auch auf dem flachen Markt derzeit beeinflussen. Fazit: Teurer wird es überall.

 

Noch vor der Pandemie zogen vor allem junge Menschen aus ländlichen Bereichen

in die Städte. Jetzt aber gibt es erste Anzeichen, dass sich das Phänomen der

Landflucht infolge der Pandemie in eine Art Stadtflucht verwandelt. Besonders begehrt sind die sogenannten Speckgürtel deutscher Metropolen. Spürbar ist dies rund um die Großstädte Köln, Berlin, Frankfurt am Main, München und Hamburg.

 

Wunsch nach Haus im Grünen

 

Der Wunsch nach mehr Platz und einem Garten ist offenbar eine Folge der Lockdown-Erlebnisse. Bestätigt wird dies nach Untersuchungen des Immobilienportals ImmoScout24. Die Pandemie habe dem Wunsch nach einem Häuschen im Grünen einen weiteren Schub verpasst, heißt es auf dem Online-Portal.

 

Die Anzeichen für eine pandemiebedingte Stadtflucht müssten jedoch differenziert betrachtet werden, warnt der Stadtsoziologe Walter Bartl von der Universität Halle. Insgesamt verliere der ländliche Raum langfristig an Bevölkerung, sagt Bartl und fügt hinzu: Studium und Ausbildung locken den Großteil der jungen Menschen nach wie vor in die Städte. Und das habe nichts mit Landflucht im herkömmlichen Sinne zu tun, führt der Stadtsoziologe aus. Nach einer Prognose des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung schrumpfen ländliche Regionen weiterhin.

 

Verbesserte Digitalisierung

 

Es gibt aber auch andere Beispiele: So nimmt Mecklenburg-Vorpommern, bis vor einigen Jahren ein stark ausblutendes Bundesland, wieder an Attraktivität zu. Das liege vor allem an den "gerade noch zu vertretenden Grundstückspreisen" und an der mittlerweile verbesserten Digitalisierung auf dem Lande, weiß Wolf Schmidt von der gemeinnützigen „Mecklenburger AnStiftung". Schmidt wirbt für ein Konzept der "neuen Ländlichkeit". Es solle Menschen aufs Land führen, die früher typischerweise in der Stadt gelebt hätten. Die Standards auf dem Land „haben sich dramatisch geändert, hin zum besseren Leben“, sagt Schmidt. Was auch dazu geführt habe, dass derzeit die Preise für Bauland auch in der „entferntesten Region“ drastisch steigen.

 

Das trifft ebenso auf Schleswig-Holstein zu. Im Urlaubsland zwischen den Meeren gibt es kaum noch ausgewiesenes frisches Bauland. Ein Thema, das im derzeitigen Wahlkampf für die Landtagswahlen am 8. Mai eine Rolle spielt. CDU und FDP wollen weiteres Bauland schaffen, SPD und Grüne setzen auf Geschoss-Wohnungsbau. Zudem wird in zahlreichen Küstenorten festgestellt, dass Eigentümer ihre bisherigen Zweitwohnungssitze als Erst-Wohnungssitze deklarieren. So wird zumindest die hohe Zweitwohnungssteuer gespart.        


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