Hausbauer am Pranger

Einfamilienhäuser als eine Möglichkeit grundsätzlich auszuschließen, ist diskriminierend und ein ideologischer Affront

Bauplan, auf dem ein Modellhaus steht sowie ein Zollstock, ein Bleistift und eine Zange liegen (Symbolbild: anncapictures)
Bauplan, auf dem ein Modellhaus steht sowie ein Zollstock, ein Bleistift und eine Zange liegen (Symbolbild: anncapictures)

 

Von Jürgen Wermser

 

Die neue Berliner Ampelkoalition strebt an, jährlich 400.000 Wohnungen fertigzustellen. Das ist ein ehrgeiziges und speziell für junge Familien auch sehr attraktives Ziel. Denn das Angebot an bezahlbarem und zugleich attraktivem Wohnraum für Eltern mit Kindern ist knapp. Auch im ländlichen Raum. Umso wichtiger wäre es, dass die zuständige Bauministerin alle Anstrengungen unterstützt, den Mangel zu beheben. Doch Klara Geywitz tut sich schwer damit, wie ihre jüngsten Äußerungen zum Bau von Einfamilienhäusern zeigen.

 

Für sehr viele Menschen ist das eigene Haus ein Lebenstraum, für dessen Erfüllung sie hart arbeiten. In Großstädten lässt sich eine solche Immobilie selbst für Gutverdiener kaum noch bezahlen, im ländlichen Raum schon eher. Die Konsequenz: Viele junge Menschen und insbesondere Familien ziehen in dünner besiedelte Regionen, um dort so leben zu können, wie sie gerne möchten: in den eigenen vier Wänden mit einem Garten drumherum und in einem ruhigen, intakten, grünen Umfeld.

 

Glücksfall für ländlichen Raum

 

Für den ländlichen Raum ist dieser Wunsch junger Familien ein Glücksfall, der neue soziale und wirtschaftlichen Perspektiven eröffnet. Eine kluge und vorausschauende Regierung sollte diese Aufwertung des Ländlichen Raums eigentlich begrüßen und unterstützen. Doch was tut die zuständige Bundesministerin? Sie redet den jungen und alten Eigenheimbesitzern ein schlechtes Gewissen ein, ohne ihnen gleichzeitig eine vernünftige Alternative zu bieten - außer vielleicht den wenig attraktiven Umzug in eine kleinere Wohnung in einem dicht bebauten, städtischen Umfeld.

 

Hier zeigt sich wieder einmal, wie eingeschränkt großstädtisch geprägtes Politikdenken sein kann. Die Millionen Menschen, die auf dem Land leben oder dort gerne hinziehen möchten, werden technokratisch belehrt, dass sie unvernünftig seien. Das Leben in dicht bebauten Städten sei „das Richtige“, an dem sie sich zu orientieren hätten. So wollen manche Politiker die Bürger leider immer noch zu ihrem „Glück“ drängen. Das Thema Wohnungsbau bietet für eine solche oberlehrerhafte Attitüde zahlreiche Beispiele. Man denke nur an den Beschluss einer rot-grünen Koalition in Hamburgs Norden, dort vorerst keine neuen Einfamilienhäuser mehr zu gestatten. Der zuständige grüne Bezirksamtschef erklärte daraufhin im vergangenen Jahr, man werde keine neuen Bebauungspläne „mit Einzelhäusern“ mehr ausweisen.

 

Nicht nur Großstädte beachten

 

Gewiss, es bleibt jeder Kommune unbenommen, für ihren Bereich angemessene Bebauungspläne zu erstellen. Doch auch hier macht der Ton die Musik. Einfamilienhäuser als eine Möglichkeit grundsätzlich auszuschließen, ist diskriminierend und ein ideologischer Affront. So weit ist Klara Geywitz zum Glück noch nicht gegangen. Aber ihre politischen Spitzen gegen Einfamilienhäuser machen aus ländlicher Sicht schon misstrauisch. Denn Geywitz ist Ministerin für ganz Deutschland und nicht nur für seine Großstädte.

 

Die SPD-Politikerin täte gut daran, sich auf ihre Kernaufgabe zu konzentrieren: ökonomisch und ökologisch vernünftiges Bauen überall in der Republik zu erleichtern und zu fördern. Die Betriebe der Branche und viele Bürger sind in den Startlöchern oder bereits in Vorleistung gegangen. So wurden im Jahr 2020 in Deutschland laut Statistischem Bundesamt (Destatis) 306.376 Wohnungen fertiggestellt. Das waren 4,6 Prozent oder 13.374 mehr als im Vorjahr. Der im Jahr 2011 begonnene Anstieg habe sich somit weiter fortgesetzt. Eine höhere Zahl an fertiggestellten Wohnungen hatte es zuletzt im Jahr 2001 gegeben (326.187).

 

Mehr Baugenehmigungen

 

Dieser positive Trend scheint anzuhalten. In neu zu errichtenden Wohngebäuden wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamts in diesem Januar 26.291 Wohnungen genehmigt, rund 10,4 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Vor allem Baugenehmigungen für Wohnungen in Zwei- und Mehrfamilienhäusern sind mit plus 16,6 Prozent beziehungsweise plus 19,0 Prozent stark gestiegen. Die Zahl der Baugenehmigungen für Einfamilienhäuser ging dagegen um 11,8 Prozent zurück, was laut Statistischem Bundesamt unter anderem auf das Auslaufen der KfW-Förderung für Wohnungen in Gebäuden der Effizienzstufe 55 zurückzuführen sein könnte. Diese galt bis Januar 2022 für Häuser, die nur 55 Prozent des Energiebedarfs eines Referenzgebäudes verbrauchen, was in der Praxis zu Vorzieheffekten geführt haben dürfte.

 


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