Ein Hilfspaket der Ungerechtigkeit

Die Ampel-Koalition will die Explosion der Energiekosten dämpfen. Der ländliche Raum wird auch dabei benachteiligt

Eine Bushaltestelle auf dem Land und U-Bahnhof einer Großstadt (Symbolbild: Bru-nO/pixabay)
Eine Bushaltestelle auf dem Land und U-Bahnhof einer Großstadt (Symbolbild: Bru-nO/pixabay)

 

Von Michael Lehner

 

Eigentlich eine tolle Sache: Einen Monat lang im Nahverkehr Busse und Bahnen für 9 Euro nutzen. Aber was nützt das den Leuten dort, wo Busse und Bahnen nur selten oder gar nicht fahren? Sie bleiben auf der Strecke, obwohl auch diese Wohltat für die Ballungsräume aus dem gemeinsamen Steuertopf finanziert wird.

 

Das so genannte Entlastungspaket und seine Entstehungsgeschichte sind typisch für den Mainstream-Zeitgeist: Gedacht, geplant und entschieden wird für die Metropolen. Und dort vor allem für jene Menschen, die sich Großstadt aus eigener Kraft nicht mehr leisten können. Das Gemeinwesen subventioniert nicht nur abenteuerlich hohe Mieten mit, sondern auch die Mobilität. Und die Sozialarbeit für die Opfer der zunehmend menschenfeindlichen Ballungsräume.

 

Die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesregierung bevorzugen auch im akuten Fall das Bewahren prinzipiell unhaltbarer Zustände. Die wachsende Geldnot großer Bevölkerungsschichten wird in der Art korrigiert, dass der verarmte Teil der Großstadt-Menschen bei der Stange bleibt. Die Metropolen brauchen ja weiter Putz- und Pflegepersonal.

 

Höherer Mindestlohn gegen schlechtes Gewissen

 

Und gegen das schlechte Gewissen der urbanen Komfort-Gesellschaft hilft die Anhebung des Mindestlohns. Obwohl auch der nicht reicht, um in Berlin oder München eine Familie ordentlich über die Runden zu bringen. So wird die Kluft immer tiefer. Nicht nur zwischen den Bürgern, die sich ein teures Elektro-Auto leisten können. Und jenen, die das Autofahren längst aus Geldnot aufgegeben haben.

 

Aus dieser Großstadt-Sicht reduziert sich das Soziale in der Politik scheinbar folgerichtig auf Wohngeld-Empfänger, Radfahrer und Fußgänger. Über die so genannte Mitte wird zwar viel geredet, aber auch diese Schicht wird aus der Großstadt-Sicht definiert. Menschen, die gut (und doppelt) verdienen. Die sich die großzügige Altbau-Eigentumswohnung im zentrumsnahen Szene-Viertel leisten können. Und die ihr (Sharing-)Auto nur fürs Wochenende und die Kurzurlaube brauchen.

 

Aus solcher Perspektive finden sich im ländlichen Raum eher wenig Hilfsbedürftige. Noch gibt es dort bezahlbaren Wohnraum, oft im Eigentum. Das eigene Auto gehört zur notwendigen Grundausstattung. Und es gibt sie noch die Gemeinden, die kaum Geld ausgeben müssen, um die Armut zu lindern. Für in der Großstadt sozialisierte Politiker sind die Menschen auf dem Lande also reich. Obwohl sie meist mit weniger Geld auskommen als die Bevölkerung in den Metropolen.

 

Umverteilung zu Lasten der Provinz

 

Noch fehlen präzise Bestandsaufnahmen. Trotzdem ist der Verdacht sehr naheliegend, dass die Umverteilung zum Schaden der Provinz längst Wirklichkeit geworden ist. Überall dort, wo Bund und Länder horrende Geldsummen aufbringen, um in Wahrheit marode Strukturen zu retten. Zum Beispiel mit den aktuellen Plänen für neue Plattenbau-Siedlungen auf sündteuren Großstadt-Grundstücken. Oder mit den Investitionen für Berlins Nahverkehrsanbindung zu Teslas „Giga-Factory“ im Brandenburgischen.

 

Zeitgleich können wir darauf warten, dass sich die organisierte Öko-Aufregung nun auf die Landbewohner konzentriert, die sich gegen die immensen Heizkosten wehren, indem sie ihre Holzöfen schüren. In den Dörfern gibt es zwar kein Feinstaub-Problem, aber die Ablehnung fossiler Brennstoffe gilt selbstverständlich auch der traditionellen (und nachhaltigen!) Nutzung unserer Wälder. Während der Wirtschaftsminister von den Grünen in Katar um Erdgas bettelt.

 

Auf die Idee, Strukturen dort zu retten, wo diese noch einigermaßen intakt sind, kommen die Entscheider in der Großstadt-Blase allenfalls zögerlich. Sonst sollten sie längst verlangen, dass Industrieansiedlungen mit Vorsorge für ausreichenden Wohnraum der Beschäftigten einher gehen müssen. Nicht nur der kurzen Wege wegen. Sondern auch wegen der Menschen, die von einem Häuschen mit Garten träumen. Und dafür nicht zu Pendlern werden wollen, die mangels Nahverkehrsanbindung nicht mehr wissen, wie sie die nächste Tankfüllung bezahlen sollen.

 


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