Die versteckte Armut auf dem Lande

Auch im ländlichen Raum haben viele Menschen aus Geldmangel kaum Möglichkeiten mehr, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben

Zwei Hände mit ein paar Geldmünzen (Symbolbild: Frantisek Krejci)
Zwei Hände mit ein paar Geldmünzen (Symbolbild: Frantisek Krejci)

 

Von Jürgen Wermser

 

Armut hat viele Gesichter, auch in Deutschland. Am deutlichsten wahrnehmbar für die breite Öffentlichkeit wird sie in den sozialen Brennpunkten von Großstädten. Medien berichten von dort, Politiker diskutieren die Probleme und suchen nach Lösungsansätzen. Weniger sichtbar aber nicht minder bedrückend ist Armut im ländlichen Raum.

 

Hier wohnten im Jahr 2019 gut 1,5 Millionen Personen, die Grundsicherungsleistungen nach SGB II (Arbeitslosigkeit) oder SGB XII (bei Erwerbsminderung oder im Alter) bezogen haben - so die aktuelle Studie „Soziale Stadt- und Ortsentwicklung in ländlichen Räumen“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Betroffen sei knapp jeder vierte Leistungsbezieher. Generell wird Armut von den Experten als ein Mangel an Einkommen beschrieben, der mit einer weitreichenden Einschränkung der gesellschaftlichen Teilhabe verbunden ist.

 

Dabei gibt es beträchtliche Unterschiede. Während vor allem in Großstädten spezialisierte Einrichtungen bei gesundheitlichen, finanziellen oder psychischen Problemen unterstützt werden können, sind solche Einrichtungen für sozial benachteiligte Menschen in ländlichen Räumen oft sehr schwer erreichbar. Doch es gibt auch Positives: So müssen Menschen in ländlichen Räumen weniger Geld für Wohnen ausgeben. Auch die Zufriedenheit mit der eigenen Wohnung ist laut der Studie höher als bei der Vergleichsgruppe in den Städten.

 

Wege zum Arzt oder zur Arbeit beschwerlich und weit

 

Und dennoch: Insgesamt gibt es viele Herausforderungen und Problemlagen, mit denen die Menschen in ländlichen Räumen in besonderem Maße konfrontiert sind. Beispiel individuelle Mobilität. Es müssen oft große räumliche Distanzen zum Einkaufen, zur Schule oder zum Arzt zurückgelegt werden. Auch die Wege zu Arbeits- und Ausbildungsplätzen sind lang. Gleichzeitig fehlen ÖPNV-Angebote. Ärmere Menschen trifft dies besonders hart. Dies gilt etwa beim Thema Beschäftigung und Einkommen, wobei hier obendrein traditionelle Rollenbilder und unflexiblere und kürzere Betreuungszeiten für Kinder die Erwerbstätigkeit von Frauen hemmen können.

 

Im ländlichen Raum gibt es zwar in der Regel ausreichend Wohnraum. Doch dieser ist nicht immer bedarfsgerecht. So fehlen vielerorts Mietwohnungen und altersgerechter Wohnraum. Auch existieren laut BBSR-Studie zu wenige niederschwellige (betreute) Angebote für Personen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Abgesehen davon würden am ehesten in „sterbenden Dörfern“ sozial Benachteiligte zurückbleiben.

 

Hilfsangebote besser kommunizieren

 

Räumliche Distanzen schränken zudem die Teilhabe an gesundheitlichen Dienstleistungen ein. Es gebe eine Zunahme an psychischen Problemen, oft in Kombination mit Alkohol- und Drogensucht. Zugleich seien Hilfeleistungen bei der Pflege nicht immer ausreichend bekannt. Und bei Verlust der Mobilität drohe Einsamkeit und soziale Isolation. Deshalb müssten gesundheitliche Dienstleistungen stärker in die Fläche gebracht und mögliche Hilfsangebote besser kommuniziert werden.

 

Eine ungelöste Frage ist laut BBSR-Studie, wie zukünftig die weiter steigende Anzahl pflegebedürftiger Menschen versorgt werden soll. Schon heute sei die Pflegesituation in ländlichen Regionen deutlich angespannter als im städtischen Raum. Generell verstärkt sich der Fachkräftemangel in den schrumpfenden ländlichen Regionen. Was heute unter dem Stichwort Pflege- und Ärztemangel diskutiert wird, wird künftig einen allgemeinen Fachkräftemangel betreffen.

 

Angst vor Stigmatisierung

 

Hinzu kommt, dass das soziale Dorf- und Vereinsleben nicht mehr überall intakt ist.  Und Angst vor Stigmatisierung hemme hier häufiger die Inanspruchnahme von nachbarschaftlichen Hilfeleistungen, so die BBSR-Experten. Wichtig sei es deshalb, Begegnungen zwischen Generationen und Nationalitäten sowie bürgerschaftliches Engagement zu fördern, niederschwellige (mobile) kulturelle Angebote und „passende“ Begegnungsorte und Anlässe zu schaffen.

 

Fazit: Entscheidend bleibt, dass Bürger und Politiker beim Thema Armut nicht nur auf die Großstädte blicken, sondern sich der besonderen Situation im ländlichen Raum bewusst werden und auch entsprechend handeln. Das scheint leider keine Selbstverständlichkeit zu sein. Denn laut Aussagen einiger Interviewpartner in der Studie hat die Politik in ländlichen Räumen häufig wenig Interesse an dem Thema „Armut/soziale Benachteiligung. Insbesondere vor dem Hintergrund des Images und der Tourismusförderung würden sich Kreisverwaltungen scheuen, das Thema öffentlich zu diskutieren. Dieser Befund ist ein politisches Armutszeugnis für die betreffenden Kommunalvertreter…

 


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