Friedensdemo statt Karnevalszug

Tanzen, schunkeln, trinken und feiern, wenn der Krieg in der Ukraine die europäische Friedensordnung in Frage stellt? Vielen ist in diesen närrischen Tagen nicht zum Feiern zumute. 

Spielmannszug an einem Rosenmontag in Mainz (Symbolbild: iStock/ollo)
Spielmannszug an einem Rosenmontag in Mainz (Symbolbild: iStock/ollo)

 

Von Wolfgang Molitor

 

Das war’s also. Karneval 2022. Vielen war in diesen närrischen Tagen nicht zum Feiern zumute. Tanzen, schunkeln, trinken und feiern, wo der Krieg in der Ukraine die europäische Friedensordnung und unsere Freiheit in Frage stellt? Wo der aufkeimende Optimismus, die jüngste Corona-Welle halbwegs heil überstanden zu haben, anderen großen Sorgen weicht? Und doch: „Jetzt erst recht“ sagten all jene, die wissen, dass lockere, wenn auch nicht unbeschwerte Stunden und Tage dazu gehören, will man sich mutig und entschlossen  den neuen Gefahren und Herausforderungen stellen.

 

In Köln wurde das Rosenmontagsfest, das statt des Umzugs stattfinden sollte, wegen des Kriegs abgesagt. Gut so! Andere spontane Absagen organisierten Frohsinns folgten. Die weltpolitische Lage bleibt dramatisch. Mit harten Konsequenzen auch für Deutschland. Das sehen auch die Jecken. Sie sind schließlich keine Narren. Sie schunkelten nicht an den Ängsten der Menschen vorbei.  Auch wenn es hier und dort Straßenkarneval gab, wenn auch am heutigen Veilchendienstag  der ein oder andere kleine Nachzügler-Umzug durch die Straßen zog: Die Ausgelassenheit wirkt, wie kann es anders sein, bemüht. Aufgesetzt. Der Versuch, sich nicht von Putin die Grenzen des Frohsinns diktieren zu lassen, muss matt wirken.

 

Löcher in soziale Netze gerissen

 

Ein weiteres Jahr ohne Bütt, Bützchen und Bier hat die allermeisten Karnevalsvereine hart getroffen. Nicht nur wirtschaftlich. Gerade im überschaubaren ländlichen Raum sind Löcher in soziale Netze gerissen, dörfliche Strukturen nicht nur in der Gastronomie beschädigt. Denn Karneval, das bedeutet nicht nur ein paar närrische Tage. Karneval ist Brauchtum, mit einem festen Platz im Jahr und nicht einfach zu verschieben. Aschermittwoch führt hin zu Ostern. Zum christlichen Hochfest. Das ganze Jahr wird geplant und beraten, lange vor Rosenmontag werden Kostüme genäht, Prinzenpaare gekürt, Mottowagen gebaut, geprobt und trainiert. Für den großen Auftritt – und für gut besuchte Prunksitzungen, die das Geld für die nächsten Aktivitäten in die Vereinskassen spülen muss. Die Vereinsexistenzen sichert.

 

Dass man sich jetzt darüber freute, wenigstens ein bisschen in sogenannten Brauchtumszonen marschieren und verpflichtend mit anderen als den Narrenmasken feiern zu dürfen, (in vielen Kneipen weiter mit 2 G plus plus, also zusätzlich zum Booster mit aktuell negativem Test), spricht  mehr für den Ernst der Lage als für einen Aufbruch in die Normalität. Auch deshalb blieben viele, die Corona nicht schreckte, zu Hause. Oder gingen auf eine Friedensdemo statt zum Umzug.

 

Es hätte ernste Themen genug gegeben

 

Dabei hätten die großen Rosenmontagszüge in Düsseldorf, Mainz und Köln auch in diesem Jahr ernste Themen genug gefunden, die ein befreites Lachen oder eine schonungslos provokante Bloßstellung verdient hätten. Merkel in Rente, eine neue Berliner Ampel, das grüne Ende der Currywurst, die explodierenden Energiepreise, das bunt-absurde Rumgendern, den kriegshetzenden Papp-Putin, das Impfpflicht-Konfetti, vielleicht ein Kamelle-Blick hinter die kriminell hohen Mauern von Mutter Kirche – dieser Rosenmontag wäre für die Wagenbauer an Brisanz und Masse eine ganz besondere Herausforderung gewesen. Aber es ist Krieg in Europa.

 

Gerade deshalb tut es gut, wenn in den vielen kleinen und hochengagierten Vereinen in den ländlichen Gebieten weitergemacht wird. Nicht unkritisch, aber unverdrossen. Nicht übermütig, sondern überlegt. Nein, die Karawane zieht nicht einfach unbeschwert weiter. Gerade weil Karneval Heimat ist, Zusammengehörigkeit und gute Tradition. Eine Selbstvergewisserung. Aber wer weiß? Vielleicht hilft Corona den kriegsentsetzten Jecken ja, auch die Corona-Fesseln angesichts des eskalierten Ukraine-Konflikts noch überzeugter als bisher zu akzeptieren. Weil am Aschermittwoch eben nicht alles vorbei ist. 

 


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