Herausforderungen wie vor 60 Jahren

Wir reden seit Jahrzehnten über die gleichen Probleme, aber es fehlen immer noch die überzeugenden Antworten

Milchstreik, Bauernrechte und Poesie: Rehwinkel war eine vielschichtige Persönlichkeit mit Kämpferherz. (Quelle: ZDF Mediathek)
Milchstreik, Bauernrechte und Poesie: Rehwinkel war eine vielschichtige Persönlichkeit mit Kämpferherz. (Quelle: ZDF Mediathek)

 

Von Jürgen Wermser

 

Wer kennt noch Edmund Rehwinkel? Selbst viele Landwirte jüngeren und mittleren Alters dürften heute mit dem Namen des früheren Bauernpräsidenten wenig anzufangen wissen. Umso bemerkenswerter, dass das ZDF jetzt ein 43-minütiges Interview mit Rehwinkel aus dem Jahre 1963 in seine Mediathek eingestellt hat. Dabei zeigt sich: Viele der Probleme, die heute den ländlichen Raum und speziell den Agrarbereich beschäftigen, gab es in der ein oder anderen Form auch schon vor 60 Jahren.

 

Höfesterben, zu geringe Erlöse für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die Kluft zwischen großen und kleineren Betrieben, zu billige Weltmarkt-Konkurrenz, mangelnde öffentliche Wertschätzung für bäuerliche Anliegen und Lebensweisen - all dies sind Themen in dem Rehwinkel-Interview in der legendären TV Reihe „Zur Person“ mit dem Journalisten, früheren Spiegel-Chefredakteur und späteren Staatssekretär im Kanzleramt Günter Gaus. Kein Wunder, dass sich aktuell im ländlichen Raum und speziell unter Bauern Frust und Enttäuschung ausbreiten nach der Devise: Wir reden seit Jahrzehnten über die gleichen Probleme, aber es fehlen immer noch die überzeugenden Antworten.

 

Praktische Hinweise oder gar Lösungen für heute finden sich in dem Filmbeitrag aus dem ZDF-Archiv nicht. Aber es wird deutlich, wie dick die Bretter sind, die für eine bessere Agrarpolitik zu bohren sind. Zugleich zeigt sich, wie groß der Stellenwert der Landwirtschaftspolitik und ihrer Interessenvertreter in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war. So steht das Interview mit Rehwinkel in einer Reihe mit historisch so bedeutsamen Namen wie Hannah Arendt, Willy Brandt, Konrad Adenauer, Oswald Nell-Breuning oder auch Golo Mann.

 

Einer der Großen nach 1945

 

Rehwinkel (1899-1977) gehörte fraglos zu den großen prägenden Figuren in der frühen Bonner Republik. Kurz nach dem Militärdienst im Ersten Weltkrieg hatte er den elterlichen Betrieb bei Celle übernommen, war nach 1945 kurzzeitig Landrat in seiner Celler Heimat und dann bis 1971 Präsident des Niedersächsischen Landvolks. Er gründete den Deutschen Bauernverband mit und wurde 1948 dessen erster Vizepräsident. 1954 bis 1959 gehörte Rehwinkel dem dreiköpfigen geschäftsführenden Präsidentenkollegium an, bevor er anschließende für zehn Jahre alleiniger Bauernpräsident wurde. In diese Zeit fällt auch das Interview mit Gaus.

 

Wer politische Munition für die aktuelle Debatte zur Reform der Landwirtschaft sucht, sollte sich den Beitrag nicht unbedingt anschauen. Aber der gelegentliche Blick zurück kann durchaus den Sinn für die aktuellen Herausforderungen schärfen. Ganz abgesehen davon ist es interessant, einen Menschen wie Rehwinkel in seiner ganzen Vielschichtigkeit in Originalbild und Originalton näher kennen zu lernen. Einfacher Soldat in zwei Weltkriegen, Hoferbe, politisch Spätberufener, Verfasser von Gedichten, passionierter Jäger: Solche „Typen“ im besten Sinne muss man im heutigen Berliner Politikbetrieb lange suchen…

 


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