Das Beste aus zwei Welten

Studie zeigt Beispiele für funktionierende Nachbarschaft von Landleben und Urbanität

Mittlere Stadt im ländlichen Raum (Symbolbild: fietzfotos)
Mittlere Stadt im ländlichen Raum (Symbolbild: fietzfotos)

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

In Baden-Württemberg wollte man es genau wissen: Wie wichtig sind im drittgrößten deutschen Bundesland die 50 mittelgroßen Städte unter 100.000 Einwohner für die ländliche Region? Wer profitiert eigentlich auf welche Weise von prosperierenden Mittelzentren wie Leutkirch, Crailsheim und Co.? Was könnte im Austausch zwischen Stadt und Dorf noch besser als heute laufen?

 

Herausgekommen ist eine umfangreiche Studie, in der sich die Verfasser vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund (ILS) realitäts- und praxisnah mit den vielfältigen Aspekten der Nachbarschaft von kleinen und größeren Kommunen befassen. Die Untersuchung – unterm Strich ein gelungenes Arbeitspapier und eine Fundgrube für Kommunal- und Regionalpolitiker mit vielen Handlungsempfehlungen – ist kostenlos als Download im Netz erhältlich.

 

Noch stärker „regional“ denken

 

Die beiden Autoren Frank Osterhage und Stefan Siedentop, die zum Einstieg ins Thema sehr viele aktuelle Daten und Veröffentlichungen ausgewertet haben, raten allen Beteiligten im ländlichen Raum, noch stärker als heute „regional“ zu denken. Denn ländliche Regionen brauchen nach ihrer Kenntnis die starken Mittelstädte, um zum Beispiel die Abwanderung junger Menschen zu verhindern. Findet der Nachwuchs in der Nachbarstadt die passende (Hoch-)Schule oder Anstellung, bleibt er dem Dorf als Bewohner erhalten. Mittelstädte mit guter Infrastruktur, mit lebendigem Handel, guter Gesundheitsversorgung, breitem Kultur-, Bildungs- und Sportangebot stärken das Umland, sind Stabilitätsanker und machen die kleinere Gemeinde nebenan attraktiv. 

 

In über 40 Interviews haben sich die ILS-Fachleute in Baden-Württemberg interkommunale Verflechtungen und Kooperationen, Strategien, Erfolgsfaktoren und Hemmnisse erläutern lassen. Deutlich wurde auch dabei, dass man hier im Idealfall das Beste aus zwei Welten zusammenbringen kann, um Zukunft zu gestalten. Stichwort: funktionale Arbeitsteilung. Die Nachteile großer Ballungsgebiete schlagen in den Mittelstädten noch nicht durch. Die Mittelzentren selbst haben wiederum Vorteile, wenn sie von Dörfern mit einer attraktiven Struktur umgeben sind.

 

Zu viele Förderprogramme für die kommunale Entwicklung

 

Laut ILS-Studie gibt es in Deutschland 1.500 bis 2.000 Förderprogramme für die kommunale Entwicklung. Zu viele, um die Übersicht zu behalten. Osterhage und Siedentop plädieren deshalb für Schwerpunktprogramme, die den Grundstein für erfolgversprechende Verbünde zwischen mittelgroßen Städten und kleinen Umlandgemeinden legen. Anreize und Bewusstsein schaffen, lautet die Formel. In manchen Bundesländern wie Niedersachsen wird schon so verfahren.

 

Die Studie, die vom baden-württembergischen Landesministerium für Ernährung, ländlichen Raum und Verbraucherschutz finanziell gefördert wurde, enthält mehrere unterschiedliche Beispiele für eine funktionierende Nachbarschaft von Landleben und Urbanität. „Best-Practice-Beispiele von der Praxis für die Praxis“, brachte es kürzlich Landesminister Peter Hauk bei der Präsentation der Ergebnisse auf den Punkt.

 

Künzelsau: Reiche Kreisstadt in Not

 

Dabei wird aber auch bei der auf den ersten Blick beneidenswerten Kreisstadt Künzelsau nicht die Realität ausgeblendet. Die 15.000-Einwohner-Stadt profitiert zwar davon, Sitz der Würth-Gruppe und Standort weiterer großer Unternehmen zu sein. So verfügt das Mittelzentrum heute über Hochschule, Konzerthaus mit Orchester und Museum. Doch die „Hochschulstadt mit Unternehmer-Antrieb“, wie sie in der Studie bezeichnet wird, kommt mit der Ausweisung von Bauland nicht mehr nach. Reiche Kreisstadt in Not. Da helfen nun die Nachbarn wie das kleinere Ingelfingen.

 


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Alles unter einem Dach: Politik für die Regionen ist keine Nebensache, sondern eine Zukunftsaufgabe. Die Konrad-Adenauer-Stiftung empfiehlt, einen Beauftragten für die ländlichen Räume zu berufen. Zu koordinieren gäbe es genug.

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