Die Waldretter jagen Sündenböcke

Im Schatten der Klima-Debatte beherrscht Ideologen-Streit um Reh und Hirsch die Zukunftspläne für die Forstwirtschaft

Ein Rothirsch im Wald. (Symbolbild: Florian Eckerle)
Ein Rothirsch im Wald. (Symbolbild: Florian Eckerle)

 

Von Michael Lehner

 

Ausgerechnet ein Adelsmann sorgt für neue Höhepunkte im seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt um den zeitgemäßen Umgang mit dem deutschen Wald. Mathias Graf von Schwerin, Vorsitzender im Ökologischen Jagdverein Brandenburg-Berlin, hat im „Spiegel“-Interview weitere Verschärfung der Jagd auf Reh und Hirsch zur „ökologischen Schicksalsfrage“ erklärt. Die Leser-Kommentare belegen: Kaum ein anderes Thema spaltet die Natur- und Tierschutzszene stärker als die Versuche, die Schuld am maroden Zustand vieler Wälder bei Wildtieren und Jägern abzuladen.

 

Der Graf, der nach der Wende Waldbesitzer und Waldbauer wurde, gehört zum sehr überschaubaren Kreis der Unterstützer des brandenburgischen Umweltministers Axel Vogel. Seit bald zwei Jahren versucht der Grüne ein neues Landesjagdgesetz auf den Weg zu bringen und scheitert dabei schon im Entwurfsstadium. Nicht nur an der CDU und den Jägern, die zu 95 Prozent im Landesjagdverband organisiert sind. Sondern auch an SPD-Kollegen. So nennt Till Backhaus – Umweltminister nebenan in Mecklenburg – Vogels Entwürfe einen „kardinalen Fehler“.

 

Vogel, der seine Karriere als Hauptamtlicher im Partei-Büro der bayerischen Grünen begann und nebenbei Wirtschaftswissenschaften studierte, verweigert bisher energisch Korrekturen an seinem Gesetzentwurf. Das gilt auch für sein Vorhaben, die Jagd auf Mini-Flächen von 10 oder gar nur 3 (drei!) Hektar wieder den Grundbesitzern zu überlassen. Bisher müssen Reviere in Brandenburg mindestens 150 Hektar groß sein. Auch eine Lehre aus der März-Revolution von 1848, der Jahre der chaotischen Jagdausübung auf kleinsten Flächen folgten.

 

Auch wenn in den „Spiegel“-Leserkommentaren die Mär vom Nazi-Jagdgesetz allgegenwärtig ist: Das preußische Jagdgesetz, das Minister Vogel und der Öko-Jagdverein jetzt schleifen wollen, entstand unter der Ägide des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Es setzte nicht nur der wilden Jagd ein Ende, sondern enthält bis heute auch die Pflicht, einen angemessenen Wildbestand zu hegen. Was in den gescheiterten Entwürfen des Potsdamer Ministeriums so nicht mehr vorkommt.

 

Der Streit um Wald und Wild reicht lange zurück

 

Die Auseinandersetzungen reichen bis zum Vorwurf der Lüge: So nennt es der Landesjagdverband, wenn Minister Vogel davon ausgeht, dass „50 Prozent der Verjüngung in Brandenburg … vom Wild geschädigt“ sei. Laut Waldzustandsbericht des Ministeriums weisen jedoch „über 90 Prozent der Verjüngungen auf den untersuchten Waldflächen … keine oder geringe Verbissschäden auf.“

 

Ältere Zeitzeugen erinnert der Streit an die 1970er Jahre. Damals erklärte der TV-Umweltschützer Horst Stern den Rothirsch zum Totengräber des Waldes. Die Forst-Hochschule im bayerischen Weihenstephan lieferte das passende Beweismaterial – und für ganze Förster-Generationen die Argumente, dass der zunehmend beklagenswerte Zustand des Waldes mitnichten der Forstregie geschuldet sei – sondern dem Schalenwild.

 

„Rund 1500“ Jägerinnen und Jäger sind im ÖJV

 

So entstand auch der „Ökologische Jagdverein“ (ÖJV) des Grafen von Schwerin. Gegründet seinerzeit vom Weihenstephaner Professor Richard Plochmann. Und bis heute hauptsächlich im Staatsdienst verankert. Von gut 374.000 deutschen Jägerinnen und Jägern vertritt der ÖJV nach eigenen Angaben „rund 1500“. Zumindest was den Zugang zu sehr preiswerten Jagdmöglichkeiten angeht, genießt der Verein einen legendären Ruf.

 

Wobei die Zeiten feudaler Strecken im Kollegenkreis endlich scheinen: Im Revier Vietmannsdorf blieben letzthin über 50 Gäste einer groß angelegten Drückjagd des Landesbetriebs Forst ganz ohne Beute. Sogar dort im legendären Gebiet der Schorfheide, wo Nazi-Größen und SED-Bonzen dem Waidwerk auf überhegte Rotwild-Bestände frönten, hat sich das ÖJV-Anliegen der Schalenwildbekämpfung offenbar erledigt. Und es wird wohl spannend, wie es um den Wald dort bei der nächsten Bestandsaufnahme bestellt sein wird.

 


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