Die Bauern und die Inflation

Es liegt nicht wirklich an den gestiegenen Erzeugerpreisen, wenn Lebensmittel erstmals seit Jahrzehnten wieder richtig ins Geld gehen

Ein Mähdrescher befüllt den Anhänger eines Traktors während der Getreideernte. (Symbolbild: CJ)
Ein Mähdrescher befüllt den Anhänger eines Traktors während der Getreideernte. (Symbolbild: CJ)

 

Von Michael Lehner

 

Eines muss man dem deutschen Bäckerhandwerk lassen: Die bundesweite Kampagne, die den Verbrauchern auf allen Kommunikationsebenen saftige Preissteigerungen bei Brot und Plunder schmackhaft macht, ist exzellent gemanagt. Schlimm ist jedoch, dass die Probleme der Brötchen-Branche in vielen Medien zur Schuldzuweisung an die Bauern dienen. Dabei liegt es nicht wirklich an den gestiegenen Erzeugerpreisen, wenn Lebensmittel erstmals seit Jahrzehnten wieder richtig ins Geld gehen.

 

Der Deutsche Bauernverband rechnet vor: Wenn sich der Getreidepreis verdoppelt, macht das gerade mal einen Cent Mehrkosten pro Brötchen aus. Bei den Getreidebauern deckt der Mehrerlös so eben die Kostensteigerungen bei Energie, Saatgut und Dünger ab. Und schafft ein wenig Ausgleich für über Jahrzehnte unverhältnismäßig niedrige Erzeugerpreise. Auch dazu eine Statistik vom Bauernverband: Der Netto-Stundenlohn der Industriearbeiter stieg zwischen 1950 und 2021 auf das 24-fache. Der Brotpreis hat sich in dieser Zeit verzwölffacht. In Arbeit umgerechnet gibt’s pro Stunde heute also doppelt so viel Brot wie gleich nach dem Krieg.

 

Dass den Bauern trotz solcher Zahlen der Schwarze Peter im Inflationspoker droht, hat auch eine Menge mit Schlagzeilen zu tun. Wie neulich nach der Veröffentlichung der jüngsten Marktstatistik und einer Untersuchung des ifo-Instituts zu den Inflationstreibern. „Vielmehr scheinen Unternehmen in einigen Wirtschaftszweigen die Preissteigerungen dazu genutzt zu haben, ihre Gewinne auszuweiten. Das gilt vor allem für den Handel, die Landwirtschaft und den Bau“, schrieb Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung in Dresden.

 

Diagnose selbst abgemildert

 

Im Bezug auf die Landwirtschaft hatte der ifo-Professor seine vernichtende Diagnose zwar selbst abgemildert und betont, dass die Bauern wohl lediglich künftige Preissteigerungen ihrer Zulieferer eingerechnet hätten. Aber solche Feinheiten kamen offenbar beim breiten Publikum nur spärlich an. Auch nicht bei den Landwirten, die der oberflächlichen Schuldzuweisung heftigst widersprechen. Vom Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt („Ein Skandal“) bis zu den Youtube-Kanälen pfiffiger Jungbauern, die dem Bauern-Bashing auch in den (vermeintlich) Sozialen Medien immer wirksamer Grenzen setzen.

 

So fehlte in den meisten Mainstream-Medien zum Beispiel der Hinweis darauf, dass über den Erzeugerpreis von Agrarprodukten nicht Bauern entscheiden, sondern spekulationsgetriebene Terminbörsen. Und dass die Aufschläge auf der Basis vielfach ruinöser Erlöse errechnet wurden. Etwa bei der Milch, für die Erzeuger im vergangenen Herbst endlich den einigermaßen kostendeckenden Preis von 60 Cent bekamen – nach 40 Cent als Leidtragende in den Jahren des Dumping-Wettbewerbs der meisten Discounter.

 

Gründliche Ursachenforschung zu den massiven Verbraucherpreissteigerungen bei Lebensmitteln steht ohnehin aus. Wie beim Getreide dürfte exakte Nachkalkulation jedoch bei vielen Produkten nachweisen, dass der Mehrerlös auf Erzeugerseite die massiv steigenden Ladenpreise nicht ausreichend begründet. Zugleich sind sogar in der Hochpreis-Vorweihnachtszeit (in der Branche „Rallye“ genannt) Lock-Angebote von knapp fünf Euro fürs Kilo bester Schweinebraten-Stücke an der Tagesordnung. Die Preisspirale dreht sich womöglich schon wieder rückwärts. Wohl auch am hinteren Ende, wo es die Bauern trifft.

 

Auswirkungen der Tierwohl-Debatte

 

Spannend hierzu auch die Auswirkungen der Tierwohl-Debatte. Dabei ist beispielsweise wichtig, ob sich die überhitzte Baukonjunktur in der Rezession so abkühlt, dass sich Viehhalter die aufwändigen Stall-Baumaßnahmen zur Befriedung der Tierrechtsdebatte leisten können. Und ob den von Inflationsangst gebeutelten Verbrauchern artgerechtere Haltung auch in der Krise ein paar Euro mehr wert ist. Der bei Bio-Produkten überdurchschnittliche Umsatzrückgang lässt eher das Gegenteil befürchten.

 

Real ist in diesen Krisenzeiten zudem, dass trotz vermeintlich glänzender Erlöse das so genannte Höfesterben nahezu unvermindert weitergeht. Und dass zugleich aktienfinanzierte Agrar-Großbetriebe prächtige Gewinne melden. Die Idylle vom malerischen Kleinbauernhof mit glücklichen Kühen und ebenso glücklicher Kundschaft gehört eher zu den Inflationsverlierern: Auch Deutschlands Hofläden melden sinkende Umsätze durch Kaufzurückhaltung.

 


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