Weckruf aus Brüssel zum Wolf

Es wird höchste Zeit, dass Gesetzgeber und Behörden in Deutschland zu einem aktiven Management des Bestands übergehen

Drei heulende Wölfe (Symbolbild: A Quinn)
Drei heulende Wölfe (Symbolbild: A Quinn)

 

Von Ludwig Hintjens

 

Der Wolf genießt in der EU einen besonders strengen Status beim Artenschutz. Den Großbeutegreifer, der erst nach der Jahrtausendwende wieder nach Deutschland eingewandert ist, schützen internationale Abkommen wie das Washingtoner Artenschutzabkommen und die Berner Konvention. Er ist zudem über die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU eigens abgesichert, weil er im Anhang IV aufgeführt ist. Der Wolf gilt als „streng zu schützende Tierart von gemeinschaftlichem Interesse“. Mehr geht nicht.

 

Daran dürfte sich so schnell auch nichts ändern. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die EU-Kommission unter dem Mandat von Ursula von der Leyen die FFH-Richtlinie aufmacht. Sie wird also nicht die Diskussion mit Parlament und Rat führen, ob das hohe Schutzniveau noch angemessen ist.

 

Dies geht aus dem Brief hervor, den von der Leyen dieser Tage in der Sache an die Abgeordneten der deutschen CDU/CSU-Gruppe geschickt hat. Immerhin zeigt sie Problembewusstsein. Und das ist schon mehr als der zuständige Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius über die Jahre getan hat. Dass von der Leyen selbst schreibt, heißt, dass sie das „Wolf“-Management zur Chefsache in der Kommission macht.

 

„Schon heute beträchtliche Möglichkeiten“

 

Die Kommissionspräsidentin schlägt in dem Schreiben einen Ton an, der aufhorchen lässt. Sie zielt damit insbesondere auf Deutschland, wo die Umweltminister immer mit Hinweis auf die strengen EU-Vorschriften so gut wie alle Eingriffe in den Bestand kategorisch abgewehrt haben. Von der Leyen verweist da auf „schon heute beträchtliche Möglichkeiten, von den strengen Schutzvorschriften abzuweichen“. Man könne durchaus „eine begrenzte Anzahl von Exemplaren einer bestimmten Art entnehmen“. Die Kommission werde darüber informieren, sie werde den Mitgliedstaaten nicht im Wege stehen.

 

Das ist ein Weckruf für die Bundesregierung. Bislang war in Berlin kein politischer Wille erkennbar, die bestehenden Spielräume zu nutzen. Dabei ist dies in unseren Nachbarländern schon länger möglich: Schweden hat eine Obergrenze bei 400 Tieren eingezogen, Frankreich bei 500 Tieren. Oberhalb von diesen Beständen werden in diesen Mitgliedstaaten Wölfe geschossen. Das ist beachtlich: Beide Länder sind flächenmäßig größer als Deutschland. Und die Bestände sind deutlich kleiner. In Deutschland gibt es nach neuestem Stand der amtlichen Zählung rund 1175 Wölfe. Würde man die Maßstäbe anlegen, die in Frankreich und Schweden gelten, gäbe es auch hierzulande längst Handlungsbedarf. Der Wolf ist extrem scheu. Man muss davon ausgehen, dass es deutlich mehr Tiere hierzulande gibt als die statistisch ausgewiesenen 161 Rudel, 43 Paare und 21 sesshaften Einzeltiere.

 

Mit der Expansion entstehen vermehrt Konflikte

 

Der Wolf hat keine natürlichen Feinde und daher ein hohes Potenzial, sich schnell zu vermehren. In vorangegangenen Jahren sind die Populationen um bis zu 30 Prozent gewachsen. Dass die Zunahme diesmal nicht so stark war, das muss nichts bedeuten. Es mag auch witterungsbedingte Gründe geben. Mit der Expansion entstehen vermehrt Konflikte. Vor allem Landwirte und Schäfer sind die Leidtragenden. Von den Alpen bis zur Küste dienen Ziegen und Schafe dem Schutz der wertvollen Kulturlandschaft. Viele Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere mit Hufen führen dazu, dass Schäfer überall in Deutschland frustriert aufgeben. Nach Angaben des Bauern- und Genossenschaftsverbandes Copa-Cogeca hat es 2020 rund 5085 Angriffe von Wölfen auf Nutztiere EU-weit gegeben, in Deutschland lag diese Zahl bei 942.   

 

Es wird höchste Zeit, dass die Gesetzgeber und die Behörden in Deutschland nicht mehr die Augen vor den Problemen verschließen, die der Wolf verursacht, sondern zu einem aktiven Management des Bestands übergehen. Kaum jemand hat etwas dagegen, wenn sich die Rudel in menschenleeren Gebieten, etwa auf ehemaligen Truppenübungsplätzen in Ostdeutschland, tummeln. Wenn sie dort ihre klassischen Beutetiere wie Rehe, Rothirsche und Wildschweine erlegen, ist das kein gravierendes Thema für die zuständigen Förster und Jagdausübenden. Dass aber in zunehmender Zahl auch Nutztiere betroffen sind, das ist ein Alarmsignal.

 

Herdenschutzmaßnahmen reichen nicht aus. Gezielte Abschüsse sind auch in Deutschland geboten. Die Kommissionspräsidentin hat mit ihrem Brief deutlich gemacht, dass der rechtliche Spielraum dafür vorhanden ist. Jetzt muss die nationale Politik nur noch handeln. 

 


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