Wenn die Kundschaft ausbleibt …

Die hohe Inflation und die Energiekrise ändern das Einkaufsverhalten spürbar 

Schmale Gasse mit kleinen Geschäften. (Symbolbild: Isa Marinescu)
Schmale Gasse mit kleinen Geschäften. (Symbolbild: Isa Marinescu)

 

Von Wolfgang Molitor

 

Ob Lebensmittel oder Textilien – im vergangenen Juni wurde deutlich weniger eingekauft als im Vorjahresmonat. Sogar der Online-Handel blieb von der Zurückhaltung der Kunden nicht verschont. Und eine baldige Besserung scheint nicht in Sicht zu sein.

 

Diese Entwicklung trifft nicht zuletzt viele kleinere oder familiengeführte Geschäfte in den Unterzentren oder Dörfern – falls es dort überhaupt noch eine attraktive Vielzahl von Läden gibt. Mögen die großen Ketten die teuren Mieten und steigenden Personalkosten, die höheren Materialausgaben und das Käuferdesinteresse noch ausgleichen oder überbrücken können: Eine Kostensteigerung in jedem einzelnen der genannten Bereiche setzt viele kleine Ladeninhaber unter existenziellen Druck. Wenn die Stammkunden eine Einkaufspause machen und es an Laufkundschaft fehlt, passen Ertrag und Gewinnkalkulation oft nicht mehr zusammen.

 

Die Folge: Gerade im ländlichen Raum dürfte sich die Konzentration auf größere Anbieter in Gewerbegebieten erhöhen. Auf der Strecke bleiben die ohnehin seit langem gebeutelten Ortskerne. Der Bäcker, der Metzger, die letzten Boutiquen – sie werden sich in den nächsten Monaten überlegen, ob es sich lohnt, durchzuhalten und auf bessere Tage zu hoffen. Oft ist es der gescheiterte Generationenwechsel, der dann das Fass zum Überlaufen bringt und die Geschäftstüren für immer verschließt.

 

Niemand kauft aus Mitleid

 

Angebote und Preise bestimmen den Erfolg von Unternehmen. Service, Bodenständigkeit, persönliche Nähe kommen hinzu. Gerade dort, wo man sich noch kennt und schätzt. Doch wenn die Kundschaft ausbleibt, veröden die Ortskerne weiter. Aus Mitleid mit den Geschäftsleuten kauft schließlich niemand ein. Und wenn der eine oder andere Laden im Ort schließt, spüren das auch die anderen, die um ihre Existenz kämpfen. Wer zum Einkauf zum Discounter fährt, holt sich über kurz oder lang auch das Brot und andere Sachen dort.

 

In der Tat sind die Zahlen dramatisch. Im Juni lagen die Umsätze nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im deutschen Einzelhandel inflationsbereinigt um 8,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Das ist der größte Rückgang seit 1994. Die Menschen sind bei Einkäufen und Anschaffungen so zurückhaltend wie lange nicht mehr. Das dürfte zumindest im dritten Quartal so bleiben. Besonders hart trifft es dabei den Textilhandel. Doch es gibt auch weniger schlechte Nachrichten. Gerade mittelständische Modehäuser und Fachgeschäfte, deren eher gut situierte Kundschaft kaum oder gar nicht unter den aktuellen Preisschüben leidet und für die sparen nicht gleichbedeutend mit entbehren ist, kommen (noch) gut über die Runden.

 

Kurzum: Die Kunden schauen wieder auf die Preise, sie erwarten aber auch Service, Flexibilität und ein attraktives Angebot. Die enge und vertrauensvolle Beziehung zum Kunden wird daher noch wichtiger als bisher. Das ist, bei allem hohen Risiko, die Chance gerade für diejenigen, ohne deren mittelständische Läden der Konsum im ländlichen Raum verdorrt. Für viele ein schwacher Trost.

 


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