Die Bahn entdeckt den Bahnhof

Rund 700 Empfangsgebäude sollen nun im Eigentum der Deutschen Bahn verbleiben

Der Bahnhof von Bermatingen-Ahausen in Baden-Württemberg. (Symbolbild: Alfred Derks)
Der Bahnhof von Bermatingen-Ahausen in Baden-Württemberg. (Symbolbild: Alfred Derks)

 

Von Wolfgang Molitor

 

Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Und so darf man sich über die Ankündigung der Deutschen Bahn freuen, den jahrelang oft mit wenig Geschick und Gespür praktizierten Verkauf der eigenen Bahnhofsgebäude zu stoppen. Dass die Bahn dazu tief in die Banalitätenkiste der Argumente greift, darf man ihr nachsehen. Bahnhöfe seien das Eingangstor der Reisenden zum Zug, ihre Gebäude und Vorplätze quasi die Visitenkarte eines Ortes - der neue Infrastrukturvorstand des Konzerns, Berthold Huber, teilt da etwas mit, was weder neu ist noch die Bahn bisher irgendwie interessiert hat. Ja, Bahnhöfe müssen freundlich und einladend sein. Auch in kleinen Städten und im ländlichen Raum, wo nicht um die Gleise riesige Einkaufszentren wie in Leipzig, Berlin oder Hamburg vergessen lassen, dass hier auch Züge – viel zu oft verspätet – halten.

 

Gemeinsam mit Städten und Gemeinden

 

Und doch: Die Bahn hat ein Lob verdient. Auch wenn die Probleme runtergekommener, sich in nachlässigem Spekulantenbesitz befindlicher Empfangsgebäude damit nicht vor einer schnellen Lösung stehen. Huber will nämlich die Flächen künftig gemeinsam mit den Städten und Gemeinden weiterentwickeln. Und da gibt es noch eine Menge zu tun. Bei Zuständigkeiten, Investitionskosten, kommunaler Nutzung oder Stadtgestaltung.

 

Rund 700 Empfangsgebäude sollen nun im Eigentum der Deutschen Bahn verbleiben. Ein kleiner, oft schäbiger Rest. Die Erkenntnis, die Weichen anders zu stellen, kam zudem mehr auf äußeren Druck zustande denn aus innerem Antrieb. Der Interessenverband Allianz pro Schiene hatte vor einigen Wochen das Fass aufgemacht. Nach Recherchen des Verbandes sind in den vergangenen Jahren mehr als 2.800 (die Bahn spricht von 2.300) von rund 3.500 Bahnhofsgebäuden versilbert worden – nicht selten mit fehlendem Wissen, wem jetzt welches Gebäude gehört. Als sicher gilt, dass rund 500 Objekte an Kommunen und private Investoren übergegangen sind.

 

Erhalt nach Jahren des Verfalls

 

Dass viele Empfangsgebäude nach Jahren des Verfalls nur noch schwer zu erhalten sind, macht die neue Kooperation von Bahn und Kommunen nicht leicht. Und ein wenig sieht es schon so aus, als ob die Bahn nach dem Verkauf ihrer Filetstücke jetzt einen Partner sucht, der öffentliches Geld mitbringt, um die Bahnhöfe aufzuhübschen und weiterzuentwickeln. Und das nicht immer unbedingt als intakte Haltstelle. Man mache sich nichts vor: Was da jetzt angeboten wird, könnte mancher Kommune schwer im Magen liegen. Auch wenn die Bahn sich zu einer vermeintlich großen Geste entschlossen hat: Wenn‘s um die Verteilung der Kosten geht, wird mancher Gemeinderat nur noch Bahnhof verstehen.

 


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