Mit Özdemir-Syndrom ins neue Jahr

Auf den Bauernhöfen macht sich kurz vor dem Jahreswechsel so etwas wie Ratlosigkeit und Skepsis breit

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (© BMEL/Thomas Trutschel/photothek)
Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (© BMEL/Thomas Trutschel/photothek)

 

Von Jürgen Muhl

 

Mit Robert Habeck zu seiner Zeit als Landwirtschaftsminister von Schleswig-Holstein hatten sich die Bauern im hohen Norden arrangiert. Es sei noch „gerade einmal gutgegangen“, hieß es in einem Resümee des Landesbauernverbandes kurz nach Habecks Wechsel in die Bundespolitik. Was auch daran lag, dass Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) freundschaftliche Beziehungen zu dem grünen Habeck pflegte und so manch überzogenen Ansatz seines Koalitionskollegen ausbügeln konnte. Im Großen und Ganzen blieb die Landwirtschaft zwischen Nord- und Ostsee von grünen Episoden verschont.

 

Damit wird es wohl in Zukunft vorbei sein, wie kurz nach dem Amtsantritt von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir deutlich wird. Der grüne Spitzenpolitiker hat sich gegen Dumping-Preise für Lebensmittel ausgesprochen. „Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima“, sagte Özdemir der „Bild am Sonntag“. Er prognostizierte zudem einen Hanf-Boom auf deutschen Feldern nach der Legalisierung von Cannabis und kündigte verbindliche Regelungen für weniger Zucker in Lebensmitteln an.

 

Kommunikation gründlich misslungen

 

Auf den Höfen macht sich kurz vor dem Jahreswechsel so etwas wie Ratlosigkeit und Skepsis breit. Man traut dem grünen Agrarminister, von Haus aus Vegetarier, nicht über den Weg. Sein Kommunikationsstart ist Cem Özdemir damit gründlich misslungen. Dabei hat der grüne Landwirtschafts-Neuling, den Spötter nur wegen seines einst aufgeflogenen privaten Hanfanbaus für nicht völlig themenfremd halten, mit seiner Kampfansage an Tiefstpreise für Lebensmittel durchaus ein wichtiges Thema gesetzt. Die Bauern benötigen höhere Preise für ihre Produkte, um über die Runden zu kommen.

 

Insbesondere bei Schweinehaltern sei die Lage weiterhin „mehr als angespannt“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied. Also liegt Özdemir doch richtig? Wie mit seiner Aussage, den Deutschen sei gutes Motoröl wichtiger als gutes Salatöl? Das

werden die Grünen ja demnächst erledigt haben, wenn E-Autos den Ton auf deutschen Straßen angeben. Dann ist die Zeit des „guten Motoröls“ endgültig vorbei. Wie auch die Zeit bezahlbarer Lebensmittel, würde Özdemir sich durchsetzen. Der Minister liegt falsch. Führen doch die höheren Auflagen beim Tierwohl und die deutliche Ausweitung der Bio-Anbauflächen ohnehin zu steigenden Fleischpreisen. Was zu Problemen in der Gesellschaft führt, haben die Lebensmittelpreise doch eine hohe soziale Komponente.

 

Geringverdiener unter Druck

 

Die Grünen und die Ampel-Regierung sollten darauf achten, dass sie nicht überziehen, und dass sich sozialschwache Menschen und Geringverdiener auch in Zukunft noch einen gedeckten Tisch erlauben können. Schon jetzt wird das für viele durch die Inflation immer schwerer. Dazu ziehen die Preise durch die geplante deutliche Ausweitung der Bio-Anbauflächen weiter an. Özdemir, der nicht weiß, was ein Pfund Hackfleisch kostet, will Landwirte und Verbraucher umerziehen. Weg vom Fleisch. Das ist beileibe nicht die Aufgabe eines Landwirtschaftsministers.

 


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