Winnetou und jugendliche Lebensträume

Es geht um den neuen Film „Der junge Häuptling Winnetou“ und zwei Kinderbücher, die der Ravensburger Verlag vom Markt genommen hat. Heute eine persönliche Betrachtung zu dieser Debatte

Winnetou I, II und III von Karl May. (Symbolbild: Alexander Fox)
Winnetou I, II und III von Karl May. (Symbolbild: Alexander Fox)

 

Von Henning Röhl

 

Da sage niemand Kitsch sei nicht schön: Ich mag es, in eine andere Welt versetzt zu werden, von einem Leben zu träumen. Einem Leben, in dem Konflikte immer zum Besseren gelöst werden. Auch Bücher oder Lieder oder Filme können uns in einen solchen illusionären Zustand versetzen. Dass dahinter auch die Welt des Unbewussten und des weniger guten Ausgangs lauert, es mag ja sein, aber was wäre unsere Welt ohne Träume und Illusionen.

 

Und natürlich hat dieser Karl May aus Sachsen seine Indianer- und Trapper-Welt mit den Helden Old Shatterhand und Winnetou schön geschrieben, ebenso wie die Verhältnisse in den arabischen Ländern, wo sein Held Kara Ben Nemsi und dessen treuer Gefährte Hadschi Halef Omar gelebt haben sollen. In der Welt von Karl May siegten immer die Guten.

 

„Ich habe als Kind mitgeweint“

 

Die Bücher des „Hochstaplers“ Karl May gehörten zu den meistverkauften in Deutschland. Ich habe als Kind mitgeweint, als Winnetou durch eine Kugel, die eigentlich seinem Blutsbruder Old Shatterhand gegolten hatte, starb und er seinem Bruder Charly als letzten Satz ins Ohr flüsterte: „Ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ.“ Karl May hat Millionen von Menschen in Deutschland unterhalten, seine Bücher gehören zu den meist verkauften in unserem Land. Er fabulierte über eine Welt, die er nie gesehen hatte. Das Wissen darüber hatte er sich als Insasse in der Gefängnisbibliothek von Waldheim in Sachsen angeeignet. Er war Hochstapler und trotzdem ein begnadeter Erzähler.

 

In derselben Zelle wie weiland Karl May. . .

 

Der verstorbene frühere Kollege Reginald Rudorf hat gelegentlich von seiner Haftzeit im Zuchthaus Waldheim erzählt. Weil er als Student in Halle den damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht beleidigt habe, wurde er zu mehr als zwei Jahren Haft verurteilt. Er saß in derselben Zelle wie weiland Karl May. Durch Kritzeleien an der Wand habe er dies einwandfrei festgestellt. Der Geist dieses früheren Zellenbewohners habe ihn derart eingenommen, dass er sich vornahm, sein erstes Kind nach Karl May zu nennen. 

 

Rudorf gehörte zu den ersten DDR-Gefangenen, die von der damaligen Bundesregierung freigekauft wurden. Im Westen sei er dann bald Vater geworden, und als er seinen ersten Sohn Winnetou nennen wollte, weigerte sich der Standesbeamte dies einzutragen - mit der Begründung, das sei kein Name, sondern ein Kunstgebilde. Rudorf klagte gegen diese Entscheidung und gewann. Mit rechtlicher Hilfe des bekannten deutschen Strafrechtsprofessor Claus Roxin, der zugleich viele Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Karl May Gesellschaft gewesen ist. Besonders geholfen hatte vor Gericht der Hinweis darauf, dass der May-Fan Carl Zuckmayer viele Jahre vorher seiner Tochter unbeanstandet durch die damalige deutsche Behörden den Namen Winnetou gegeben hatte.   

 

Der Geist hat sich vielfach vermehrt

 

Der Geist des Standesbeamten aus Frankfurt, der Reginald Rudorfs Wunschnamen nicht eintragen wollte, hat sich längst vielfach vermehrt. Heute jedoch mit anderer Begründung: überholte Sichtweisen würden transportiert. Indianer sind Indigene und die Weißen Eroberer haben ihnen Übles angetan. Rassismus, Kolonialismus und auch Antisemitismus stecke hinter vielen Denkmustern, und es gelte sie sichtbar zu ächten. „Aufklärung bitte“, lese ich dieser Tage in einem evangelischen Sonntagsblatt, in dem auch „Onkel Toms Hütte“ oder „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe an den Pranger gestellt werden. Aufklärung bitte, wird gefordert, Aufklärung über das, was unsere Eltern und Großeltern Anderen angetan haben, Aufklärung über Rassismus und Kolonialismus – und dann natürlich über die Jahrhundertelange Unterdrückung von Frauen. 

 

Gabriel: „Winnetou hat mich nicht zum Rassisten gemacht“

 

„Ein*e wirklich aufgeklärt*e Europäer*in kann die vielen kolonialen Denkmuster erkennen und daher auch völlig gefahrlos Winnetou‘ oder Durchs wilde Kurdistan‘ lesen“, heißt es in dieser durch Kirchensteuer finanzierten Zeitung.

 

Die Arroganz hinter solchen Sätzen ist unbegreiflich. Als wenn wir die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten, als wenn wir dem unermesslich phantasiebegabten Karl May so entsetzlich überlegen wären. Ich halte es da eher mit Sigmar Gabriel: „Als Kind habe ich Karl Mays Bücher geliebt. Besonders Winnetou. Zum Rassisten hat mich das ebenso wenig gemacht wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn.“

 

Richtig ist: Wir denken heute in manchem anders als zu Karls Mays Zeiten. Wir drücken uns auch manchmal anders aus. Aber die Welt ist nicht besser geworden, seitdem wir das N-Wort vermeiden und Indianer zu Indigenen wurden. Und die Missionare von einst, die  auch viel Segen in die Welt gebracht haben, waren nicht schlechter als die Entwicklungshelfer von heute. 

 


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