Darf Satire wirklich alles?

 

Von Henning Röhl

 

Noch-Regierungssprecher Steffen Seibert, „früher einmal Journalist und Moderator, dann beruflicher Aufstieg bei gleichzeitigem moralischen und ethischen Abstieg“, so klang es vor etlichen Monaten bei Jan Böhmermann im ZDF. Achtung Satire!  Satire darf alles, heißt es immer wieder. Sogar mit Berufung auf Kurt Tucholsky. Und deutsche Gerichte urteilen zumeist so, als sei wirklich alles erlaubt, wenn nur klargestellt werde, es sei ja satirisch gemeint. Selbst Böhmermanns Erdogan Beleidigungen - weit unter der Gürtellinie und fern jedes Anstands - verliefen letztendlich im juristischen Sand.

 

Doch unabhängig von der Juristerei – ist wirklich alles erlaubt?  Auch jede Geschmacklosigkeit? „Früher endete so etwas mit einer Flasche Rotwein und 7 Tavor in einer Badewanne in Genf“ – selbst vor einer solchen Anspielung schreckte besagter ZDF-‚Spaßmacher‘ nicht zurück. Inzwischen wurde er mit einem regelmäßigen Sendeplatz im Hauptprogramm belohnt. Also scheint doch alles erlaubt – zumindest im ZDF, selbst wenn dieser Böhmermann inzwischen etwas weniger bösartig und manchmal sogar witzig geworden ist.

 

Dieter Stolte, früher einmal ZDF-Intendant, der diesen Sender vor allem geprägt hat, erzählt in seinen Lebenserinnerungen vom Ärger mit dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt. Dessen Programm habe sich immer mehr zu einem linken Politmagazin entwickelt: „Man kann keine Kabarettisten an die Leine legen“, so Stolte.

 

ZDF Marktführer bei Bösartigkeiten

 

Nach ihm blieb das ZDF-Programm Jahre lange satirefrei. Inzwischen haben seine Nachfolger dafür gesorgt, dass der Mainzer TV-Sender Marktführer im Genre der Satire genannten Bösartigkeiten geworden ist: „Es ist rein rechtlich noch kein Steuerbetrug, wenn Christian Lindner Finanzminister wird“. (Die Anstalt – ZDF) So ein Spruch von der harmloseren Sorte.  Und in der „heute show“ hieß es auch schon einmal: „Alles worin das Wort Volk vorkommt, ist Scheiße! Volkswagen – Volksmusik – Volker Bouffier“.

 

In diese Kategorie gehört auch, wenn vom „pathologischen Dachschaden der Union“ gesprochen wurde oder der sich als Wutbürger gebärdende Gernot Hassknecht lauthals forderte: „Steckt den Seehofer endlich ins Heim“. „Wer nicht ganz verblödet ist, der wählt nicht CDU“, haben wir auch schon gehört und Alexander Gauland wird attestiert, er sehe immer so aus, „als hätte er den Mundgeruch erfunden“.

 

Doch mit dieser Art von Auseinandersetzung mit den Rechtsaußen ist das ZDF nicht allein. Alice Weidel ist für den besserwisserischen Moderator der ARD-Sendung extra3 eine „Nazischlampe“, die Groko belegte er mit dem Attribut „Gurkentruppe“. In die Phalanx solcher Bösartigkeiten gehört auch diese Bemerkung: „Russland hat schon viele Kampfstoffe hergestellt – auch biologische: man denke nur an Helene Fischer“.

„Es fällt schwer, keine Satire zu schreiben“, meinte schon der Römer Juvenal mit Blick auf Gesellschaft und Politik seines Stadtstaates. Scharfzüngige Ironie, Fehleranalyse und Übertreibung gehören dazu.  Hohn und Spott, Fröhlichkeit und Bitterkeit.

 

Anstand und Moral

 

Satire kann ruhig einmal wehtun, und Satire ist traditionell eher links. Aber auch für sie gibt es so etwas wie Anstand und Moral. Für die Sender, die von Allen bezahlt werden, erst recht.

 

Nach Dieter Stolte solle das öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm mehr „einen als spalten“. Es gehört bestimmt nicht zu einem Integrationsprogramm, wenn Politiker als „Volltrottel“ hingestellt werden. Wenn Menschen einfach nur beleidigt und verächtlich gemacht werden. Wenn agitiert wird und nicht mehr informiert.  Ist es wirklich nur noch Satire, wenn Olaf Scholz in der „heute show“ als „aufregende Kreuzung aus Mensch und Raufasertapete“ charakterisiert wurde? Steckt dahinter nicht auch eine gehörige Portion Menschen- und Politikerverachtung?

 

Jüngere als Zielgruppe

 

Der größte Teil des Publikums der Öffentlich-Rechtlichen hat die Sechzig weit überschritten.  Die Programmacher versuchen durch manche Sendungen jüngere Zuschauer zu gewinnen. Oft auch durch Anpassung an Sprache und Formen aus dem Internet. Böhmermann und seine Sendung sind ein gutes Beispiel dafür. Auch die „heute show“.  Aus dem Internet kommt aber auch viel Hass und Misstrauen. Das höfliche Miteinander ist weniger geworden, und gerade in Satiresendungen wird relativ skrupellos versucht, sich der Sprache sozialer Medien anzupassen. Die Tabubrüche im Netz sind groß und die Satireschreiber lassen sich davon anstecken. Wie etwa bei diesem Beispiel aus der „heute show“: „Was darf man vergessen?“ fragt der Moderator und er meint seinen Einkaufszettel, „Milch, Butter, Mehl. Was darf man niemals vergessen? Den Holocaust“.

 

Es gibt Dinge, die eignen sich nicht für Satire und Lächerlichkeit. Für öffentlich-rechtliche Sender schon gar nicht. Selbst wenn man sich damit Zustimmung bei manchen einfängt, die vornehmlich im Netz unterwegs sind.

 

Selbstkritik beim WDR

 

Tom Buhrow, Intendant des WDR, hat vor einigen Tagen selbstkritisch gemeint, „die Lebenswirklichkeit von ‚studierten’ ARD-RedakteurInnen, die ‚häufig in Großstädten“ leben, könne nicht der alleinige Maßstab sein.

 

Was Buhrow auf die ARD bezieht, gilt nicht minder für das ZDF und das gesamte öffentlich-rechtliche Fernsehen. Anstatt den Auftrag zu erfüllen, Mehrheiten mit Minderheiten zu „versöhnen“, trägt es zu einer „nie dagewesenen Polarisierung“ (Buhrow) bei.  Auch mit Programmen, die sich als Satire verstehen, aber immer mehr Maß, Respekt, Achtung vor dem Anderen und Anstand verlieren.

 

Was war noch das Schlüsselwort des Kanzlerkandidaten der SPD im vergangenen Wahlkampf? Er wollte die SPD zur „Respektpartei“ machen. Es gibt viel zu tun für Olaf Scholz.

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