Ohne Rücksicht geht es nicht

Gerade in der Erntezeit kommen sich Landwirte und Radfahrer oft bedenklich nah. Dabei vergessen manche Pedalritter, dass sie sich auf Wirtschaftswegen bewegen

Foto: Thorsten Neuhaus
Foto: Thorsten Neuhaus

 

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

Trecker sind groß. Kommen sie als Schlepper mit Doppelbereifung daher, messen sie über 2,55 Meter Breite und erreichen mit Anhängern eine Gesamtlänge von mehr als 18 Metern. Ein Feld- und Wirtschaftsweg ist meist nur drei Meter breit, ist er für Gegenverkehr ausgelegt, maximal fünf Meter.

 

Diese Zahlen sagen schon viel über Konflikte, die entstehen können, wenn Traktor und Radfahrer sich in der Landschaft begegnen. 1,5 Meter Seitenabstand zum Fahrradfahrer, der in der Straßenverkehrsordnung seit 2020 vorgeschrieben ist, können auf den Wirtschaftswegen nicht einmal in der Theorie erreicht werden. Landwirte und Pedalritter kommen sich näher. Da hilft nur ein Rezept: gegenseitige Rücksichtnahme und erhöhte Vorsicht.

 

Damit dies funktioniert, sind inzwischen auf dem Asphalt vieler Wirtschaftswege häufiger auffällige Piktogramme zu sehen. „Rücksicht macht Wege breit“, heißt es dort. Unterhalb des Schriftzugs sind Bauer und Fahrradfahrer abgebildet, die sich freundlich grüßen. Die auf die Wege gesprühten Hinweise erinnern Landwirte, Spaziergänger, Jogger und Radfahrer gleichermaßen daran, dass sie nicht allein auf weiter Flur unterwegs sind, sondern sich partnerschaftlich verhalten sollten.

 

Mit der Kennzeichnung vieler Wirtschaftswege wurde schon vor einigen Jahren begonnen. Doch da die Zahl der Fahrradstrecken weiterwächst, gibt es Nachholbedarf. Vor allem dort, wo viele Stadtbewohner, die oft keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft haben, in ihrer Freizeit aufs Rad steigen. Sie vergessen im Sattel allzu schnell, dass ihr Ausflug ins Grüne durch eine bewirtschaftete Region führt.

 

Viele Wege, die heute zu reizvollen Radrouten und Fernradwegen gehören, sind erst während der Flurbereinigung entstanden. Sie werden mit öffentlichen Mitteln regelmäßig unterhalten, um funktionstüchtig zu bleiben. Meist sind sie mit dem Schild „Land- und forstwirtschaftlicher Verkehr frei“ versehen. Und immer häufiger findet sich der Zusatz „Radfahrer frei“.

 

„Ich komme schließlich aus München“

 

Das wiederum sorgt für manches Missverständnis. Wie jüngst geschehen im schönen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, wo ein eiliger Radfahrer völlig aus Acht ließ, dass er keine Vorfahrt vor dem Traktor hatte. „Ich darf das, ich komme schließlich aus München“, hat er laut einem Bericht des Münchener Merkur dem Bauern zugerufen. 

 

Der Blick aus der Kabine eines Schleppers macht es beim Einbiegen notwendig, vom Acker etwas weiter in einen Weg hineinzufahren. Der Fahrer hat vor sich die lange Motorhaube und muss sich vortasten. Gerade E-Biker-Fahrer, die mit hohen Geschwindigkeiten auf den Wirtschaftswegen unterwegs sind, sollten daran denken, dass sie auch rasch einmal bremsen müssen. Wichtig: Ein Trecker mit vollbeladenem Anhänger kann nicht auf den Seitenstreifen eines Wirtschaftsweges ausweichen. Das Gespann würde sich dort festfahren oder umkippen. Zum guten Miteinander gehört, dem Traktor den Vortritt zu lassen und als Radfahrer anzuhalten und Platz zu machen. 

 

Geringer wird die Zahl der Konflikte in Zukunft nicht werden. Immer dann, wenn Feldwege auch offiziell für Radfahrer freigegeben werden, hält sich die Freude bei den Landwirten vor Ort in Grenzen. Befürworter bejubeln die bessere „Nahmobilität“, Kritiker sorgen sich um die Sicherheit, denn die Verbindungen sind oft der einzige Weg aufs Feld. Wie diese Wege dann bei nassem Wetter zwischendurch aussehen, liegt auf der Hand.

 


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