Die Aussichten sind bescheiden

Warum es unwahrscheinlich ist, dass sich die Staaten bei der UN-Artenschutz-Konferenz auf effektive Maßnahmen einigen
Biosphère in Montreal (Symbolbild: Andreas H.)
Biosphère in Montreal (Symbolbild: Andreas H.)

 

Von Ludwig Hintjens

 

Das Artensterben ist mindestens genauso bedrohlich für die Existenz der Menschheit wie die Klimakrise. Die Umweltverschmutzung durch Industrie und Straßenverkehr, die Versiegelung und Umnutzung natürlicher Räume für Wohnungsbau und gewerbliche Nutzung, die Klimaerwärmung sowie invasive Arten – all das trägt dazu bei, dass immer mehr Pflanzen- und Tierarten verloren gehen, Pilze und Mikroorganismen verschwinden.

 

Daher ist es überfällig, dass die Weltgemeinschaft mit der COP 15 in Montreal einen Anlauf unternimmt, sich auf UN-Niveau der Biodiversitätskrise zu stellen. Ziel müsste es sein, das Artensterben in der öffentlichen Wahrnehmung genauso zu verankern wie den Klimawandel und konkrete Schritte zur Eindämmung zu ergreifen. Doch die Chancen sind gering, dass dies bis zum 19. Dezember gelingt.

 

Es ist unwahrscheinlich, dass sich bei der Konferenz in Kanada ein „Paris-Moment“ einstellt, wie bei der UN-Konferenz, wo das 1,5-Grad-Ziel als anzustrebende Obergrenze für die Erderwärmung definiert wurde. Diesmal mangelt es schon an der Prominenz: Als 2015 das Klimaabkommen ausgehandelt wurde, waren über 100 Staats- und Regierungschefs nach Paris gereist. In Quebec läuft überwiegend die Ministerriege auf – wenn überhaupt.

 

Bemühen um ein griffiges Ziel

 

Hinzu kommt, dass das Ziel, den Artenschutz stoppen, schwerer greifbar ist. Im Entwurf für das Abschlussdokument geht es darum, die Vernichtung der natürlichen Lebensräume nach Möglichkeit zu stoppen und den Prozess umzukehren, also neue Lebensräume für die bedrängten Arten zu schaffen. Der Zustand der Ökosysteme ist aber schwerer zu messen als der Ausstoß an Treibhausgasen. Die Regie bei der Artenschutz-COP hat sich bemüht, auch ein griffiges Ziel zu formulieren: Die Formel lautet 30 mal 30. Bis 2030 sollen mindestens 100 Staaten, die sich zur Koalition der Hochambitionierten zusammengefunden haben, 30 Prozent ihrer Flächen unter Schutz zu stellen. Das wäre eine Verdoppelung der geschützten Fläche an Land und eine Vervierfachung der geschützten Fläche auf See.

 

Welche Kriterien werden angelegt an die geschützten Gebiete? Beim Ausstoß von Klimagasen ist es recht einfach, sich auf Messungen dafür zu verständigen. Wenn es um den Schutzstatus der Naturräume geht, fehlen dafür aber noch die Parameter. Vermutlich bedarf es noch aufwendiger Vorarbeiten, bis man zu einem Konsens kommt.

 

Auch das steht im Entwurf für das Abschlussdokument: Die Staaten sollen klimaschädliche Subventionen im Volumen von 500 Milliarden Euro abschaffen. Leider ist es so, dass in der jüngsten Zeit neue klimaschädliche Subventionen erst geschaffen wurden, etwa um die Folgen der Energiepreiskrise und Inflation für breite Bevölkerungsschichten abzufedern.

 

Plakative Zahl reicht nicht

 

Man kennt es von den Verhandlungen auf europäischer Ebene: Da wird viel Energie darauf verwendet, sich auf hehre Ziele zu einigen, die mit symbolischen Zahlen unterlegt sind. So war es etwa, als über mehrere Gipfel darum gerungen wurde, ob sich die EU dem Ziel verschreiben solle, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um 50, 55 oder 60 Prozent zu senken. Darüber wurde dann versäumt, auch die Maßnahmen und überprüfbare Zwischenschritte zu beschließen, ohne die die hehren Ziele nicht erreichbar sind. Mit einer plakativen Zahl ist aber den bedrohten Arten nicht geholfen. Es braucht jetzt konkrete Schritte.

 

Das sind nicht sonderlich ermutigende Vorzeichen, unter denen diese wichtige Konferenz beginnt. Ein Abkommen, das nichts bringt, wäre ein Hohn. Und es würde das richtige Anliegen um Jahre zurückwerfen. Womöglich wäre es dann sinnvoller, die Konferenz ohne Abschluss platzen zu lassen. Das würde die Weltgemeinschaft aufrütteln und dem Artensterben endlich in der öffentlichen Meinung den Stellenwert geben, den das Thema verdient.

 


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