Bauernopfer gegen den Klimawandel

Der Talkshow-Feldzug gegen die Landwirtschaft: Reichlich Emotionen, wenig Ahnung und Rückenwind für die Veggie-Industrie
Eine Kuh auf einer Weide. (Symbolbild: Felix Wolf)
Eine Kuh auf einer Weide. (Symbolbild: Felix Wolf)

 

Von Michael Lehner 

 

Schon vor zwei Jahren belegte eine groß angelegte Studie des Europäischen Bauern- und Genossenschaftsverbands (Copa-Cogeca): Jedem dritten Bauern in Frankreich und Deutschland geht das sogenannte „Bauern-Bashing“ ans psychische Wohlbefinden. Vor allem junge Leute verzichten unter dem Druck der oft substanzlosen Kritik zunehmend auf ihr Hoferbe. Das gern beklagte „Bauernsterben“ hat damit eine weitere Ursache, gerade bei kleineren Familienbetrieben.

 

Besonders schlimm: Die Psycho-Falle betrifft vor allem Landwirte, die sich ein Gewissen machen und jede einzelne Kuh beim Namen nennen. Die nicht nachrechnen, ob sich ein Tierarzt-Einsatz rentiert, um kranke Tiere vor dem Abdecker zu bewahren. Der gern gescholtenen Agrarindustrie und ihren Finanzmarkt-Investoren hingegen geht Vulgär-Kritik am Allerwertesten vorbei. So weiten die Handelsriesen ihr Geschäft längst ins vegane Milieu aus und profitieren so vom Bauern-Bashing.

 

Nicht nur das Tempo, mit dem sich Discounter mit dem Zeitgeist arrangieren, befördert den Frust beim Bauernstand. Manchmal genügt schon eine Schlagzeile, um traditionelle Bindungen zu beschädigen. Zum Beispiel, als das Flensburger Tageblatt unlängst fragte: „Höfesterben als Chance für das Klima?“ Der flüchtige Leser nahm mit, dass ausgerechnet der Kieler Landwirtschaftsminister Werner Schwarz von der CDU das Gutachten zur Aufreger-Schlagzeile in Auftrag gab.

 

Zur Ehrenrettung des Ministers gehört der Hinweis, dass er Möglichkeiten zur Entschärfung des Konflikts zwischen Rinderhaltung und Klimaschutz untersuchen lässt. Zum Beispiel durch einen neuartigen Futter-Zusatz, der den Methangas-Gehalt im „Auspuff“ der Kühe beträchtlich senken soll. Und/oder durch verstärkte Förderung kleiner Biogas-Anlagen, die das Gülle-Problem in „grüne“ Energie umwandeln.

Tatsächlich lenkt solche Debatte vom entscheidenden Dilemma ab, dass das Konsumverhalten breiter Schichten Generationen von Landwirten in die fatale Zwickmühle des Wachsens oder Weichens gezwungen hat. Nicht zuletzt dadurch, dass auch Fleisch zur globalen Handelsware wurde. Gerne aus Ländern, in denen Tierwohl und Klimaschutz Fremdwort-Charakter haben.

 

Rundumschlag gegen Rinderhaltung mit anschließender Entschuldigung

 

Konkurrenzkampf unter höchst ungleichen Bedingungen gehört zu den Ursachen des Bauern-Zorns. Aber als Anlass für Proteste genügt längst schon dummes Gerede. Zum Beispiel, wenn die Schauspieler Hannes Jaenicke und Sky du Mont im NDR-Talk „3nach9“ zum Rundumschlag gegen die Rinderhaltung ausholen.

 

Die Abrechnung mit dem vermeintlichen Klima-Killer Kuh gipfelte bei du Mont: „Nicht nur, dass die Kuh leidet, weil ihr das Kalb weggenommen wird und brüllt. Was passiert mit den Kälbern? Und da weiß ich wiederum Bescheid! Die werden ja alle umgebracht, sie werden in Container geschmissen, dann sind’s mehrere Schichten und die Unteren sterben dann indem sie ersticken. Das muss man wissen, wenn man Milch trinkt, muss man das wissen!“ Du Mont hat sich inzwischen nach einer Meldung von „agrarheute.com“ zusammen mit Moderatorin Judith Rakers für Falschaussagen über die Milchviehhaltung entschuldigt und einen Besuch bei einem konventionellen Milchviehbetrieb angekündigt, um sich ein eigenes Bild vor Ort zu machen.  

 

Energischer Widerstand formiert sich vorerst nur verhalten. Und im eher Kleinen, wie einst beim Milchbauern-Protest. So hat der rebellische Verein „Freie Bauern“ Radio Bremen auf Widerruf verklagt und darauf, die umstrittene Sendung aus der Mediathek zu nehmen. Leicht süffisant erinnern die Verfasser der Klage zudem daran, dass PETA-Botschafter du Mont noch im Jahr 2006 Geld mit Werbung für mehr (Kuh-)Milchkonsum verdiente. Originalton des Reklame-Spots: „Mit einem Glas frischer Milch liegt man immer richtig!“

 

Kalbfleisch ist nach wie vor eine gängige Handelsware

 

Weniger amüsant: Die Story von den Container-Kälbern ist weit hergeholt. Kalbfleisch ist nach wie vor eine gängige Handelsware, wenn auch bei den Erzeugern kaum Geld hängen bleibt. Und Verbraucher es in der Hand hätten, mehr Bullen-Kälbern ein naturnahes Dasein als Weideochsen zu ermöglichen. Im Mainstream wird Ochsenfleisch aus Südamerika zu sündteuren Preisen an Gourmets vermarktet. Aus deutscher Produktion galt es den großen Handelsketten als zu hochpreisig. Bis kürzlich eine großen Supermarktkette den Bauern bessere Preise für die Ochsen garantierte. Und der Nachfrage an den Theken nun kaum noch hinterherkommt.

 

So wie Verbraucher plötzlich merken, dass Fettsträhnen im Rindfleisch zum guten Geschmack gehören, wäre mehr faire Aufklärung hoch an der Zeit: Zum Beispiel darüber, dass die Kulturlandschaft ohne Weidetierhaltung auch an Artenvielfalt ärmer wird. Und der Hunger größer: Gras können selbst Hardcore-Veganer nicht verdauen. Und die Öko-Bilanz von Pseudo-Milch wird nicht besser, nur weil immer mehr Leute gern ein bisschen mehr dafür bezahlen.

 

Der Politik und vielen Medien könnte also durchaus mehr zum Thema einfallen als die aktuellen Versuche, dem Bauern-Protest Nähe zu Querdenkern und der AfD-Partei nachzusagen. Zumindest bei den Demos gegen Corona-Politik und gegen den Beistand für die Ukraine sind Landwirte kaum vertreten. Sie haben andere Sorgen.

 


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