Die Dorfschule führt weiter

Junge Leute aus dem ländlichen Raum finden besser ins Berufsleben

Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur Schule. (Symbolbild: iStock/ LSOphoto)
Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur Schule. (Symbolbild: iStock/ LSOphoto)

 

Von Michael Lehner

 

Die jüngste Bildungsbilanz zeigt weiter wachsende Defizite der deutschen Grundschüler. Das war schon vor Corona so. Und auch die Irrlehre, dass Großstadt-Kinder besser dran sind, bleibt weiter unbewiesen. Immer deutlicher wird hingegen, dass junge Leute im ländlichen Raum besser ins Berufsleben finden.

 

Rund die Hälfte der Viertklässler kann nicht ausreichend gut rechnen und schreiben. Beim Leseverständnis hapert es ebenso dramatisch. Insofern bestätigt die jüngste Bildungsstudie die Fortsetzung einer Misserfolgsgeschichte. Erstaunlich, dass die Zahl der Abiturienten und Studierenden trotzdem wächst – vor allem in den großen Städten.

 

Die Bildungsunterschiede zwischen Dörfern und großen Städten wurden diesmal im Detail noch nicht untersucht. Aus früheren Studien ist jedoch bekannt: Die Dorfschule macht nicht dumm, die Stadtluft nicht klüger. Und die Bildungsgerechtigkeit hängt für den „Aktionsrat Bildung“ wesentlich davon ab, möglichst viele Dorfschulen zu erhalten.

 

Wohnortnähe ist für die Fachwelt viel wichtiger als die Größe einer Schule. Selbst jahrgangsgemischte Klassen werden längst nicht mehr belächelt, sondern sogar in Großstädten bei Schulversuchen ausprobiert. Nicht nur, weil sie sehr wahrscheinlich dem Sozialverhalten nützen.

 

Attraktive Karrieren im Handwerk

 

Statistisch belegt ist aber auch: Im ländlichen Raum wechseln reichlich Kinder nicht ans Gymnasium, obwohl sie das Zeug dazu hätten. Karrieren im Handwerk werden dort noch direkter erlebt. Und treffen auf Kinder, die ihre Fahrradreifen noch selber flicken können. Ergebnis: Den Mangel an Auszubildenden spüren auch Handwerk und Mittelstand auf dem Land. Aber längst nicht so dramatisch wie in den Städten. Und mit besseren Chancen, Auszubildende zu finden, die des Rechnens und des Schreibens mächtig sind.

 

In Bayern hat der „Aktionsrat Bildung“ vor drei Jahren im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft die Situation untersucht. „Der Stadt-Land-Gegensatz wurde in weiten Teilen als Mythos entlarvt“, fasst Verbandspräsident Wolfram Hatz die Ergebnisse zusammen. Weniger laut wird über mögliche Ursachen gesprochen, über hohe Migrationsanteile in den Großstadt-Klassen zum Beispiel oder über alleinerziehende Elternteile, denen vor allem in Metropolen die Zeit zur schulischen Begleitung ihrer Sprößlinge fehlt.

 

Noch nicht unter Schul-Aspekten ausgewertet sind die Folgen horrender Großstadt-Mieten, die Eltern zu Nebenjobs zwingen. Und auch so dafür sorgen, dass Bildung und Erziehung als Aufgabe immer mehr an den Schulen hängen bleiben. Was auch modernen Lebensformen aufgeschlossene Lehrerinnen und Lehrer oft an solchen Herausforderungen verzweifeln lässt.

 

Trend zum Zweiten Bildungsweg

 

Hoffnungsvoll – vor allem auch für den ländlichen Raum – stimmt da der klare Trend zum Zweiten Bildungsweg. Auch in den Städten entscheiden sich immer mehr Abiturienten für eine Berufsausbildung vor oder neben dem Studium. Das liegt wohl auch daran, dass die Berufschancen für solche „Praktiker“ besonders gut sind – vor allem auch für Absolventen Dualer Hochschulen, die Berufspraxis und Studium verbinden.

 

Ob sie im Alter von 18 oder 19 Jahren ihre Heimat verlassen und in eine Universitätsstadt umziehen wollen (und sich das leisten können), spielt für Jugendliche im ländlichen Raum ebenso eine Rolle wie die Lebenshaltungskosten und der soziale Status. Dieter Lenzen, formulierte Letzteres als Vorsitzender im Aktionsrat Bildung und Präsident der Universität Hamburg mit diplomatischer Wortwahl: „Das hat etwas mit der Wertschätzung für nicht-akademische Berufe zu tun.“ Will sagen: In der Stadt sind die Kinder zwar nicht gescheiter, aber sie haben es ohne Abitur in der Gesellschaft schwerer als die Landjugend.

 


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