Industrieansiedlung um jeden Preis?

In Grünheide gibt es durch Teslas „Giga-Factory“ nun zwar viele neue Arbeitsplätze, aber die über Jahrzehnte gewachsene Sozialpartnerschaft steht zur Disposition

Tesla Gigafactory Berlin/Brandenburg (Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Tesla, Inc.)
Tesla Gigafactory Berlin/Brandenburg (Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Tesla, Inc.)

 

Von Michael Lehner

 

Einer der reichsten Männer der Welt führt mal wieder vor, wie egal ihm Mitarbeiter sind: Der Hälfte der Twitter-Beschäftigen kündigt er nach der Übernahme des Internet-Konzerns – per E-Mail. Und auch die Reste journalistischer Sorgfalt im Fake-News-Rummel stehen zur Disposition, weil Elon Musk zur Meinungsfreiheit eine ganz eigene Meinung hat.

 

Auch aus der Tesla-„Giga-Factory“ in Brandenburg sickern verstörende Informationen über den Umgang mit Mitarbeitern und dem Betriebsverfassungsrecht durch. Die Sorge, dass seine Fabrik ihrer Region das knappe Wasser abgräbt, wischt Musk mit einem Grinsen vom Tisch. In Grünheide gibt es nun zwar viele neue Arbeitsplätze, aber die über Jahrzehnte gewachsene Sozialpartnerschaft steht zur Disposition.

 

Auch klar: Ein Löwenanteil der neuen Jobs geht an Pendler aus dem maroden Ballungsraum Berlin. Land und Bahn spendieren dem Elektroauto-Konzern hierfür auch noch eine leistungsfähige Bahnverbindung. Auch davon können Regionen ohne „Giga-Factory“ nur träumen. So wie die Arbeiter dort wohl nur davon träumen können, dass sie sich mal einen Tesla leisten können.

 

Zudem zeigt die Erfahrung: Auch die Bürgermeister-Hoffnung, dass solche Weltkonzerne kräftig Steuern in die Kasse spülen, ist trügerisch. Im Gegensatz zu Handwerkern und anderen Mittelstandsbetrieben haben die meisten internationalen Unternehmen auch bei der Steuervermeidung reichlich Übung.

 

Übung in Steuervermeidung

 

Wer weiß, wie alteingesessene Firmen um Baugenehmigungen kämpfen müssen, muss auch den Umgang der Behörden mit Projekten wie der Tesla-Fabrik kritisch hinterfragen. Und überlegen, ob da nicht Abhängigkeiten entstehen, die eine wach gerüttelte Gesellschaft gerade bei der Erpressbarkeit durch Russland oder China als Giga-Problem begreift.

 

Gerade die Einsicht, dass sich Europa aus eigener Kraft nicht einmal mehr zum Beispiel mit Standard-Medikamenten versorgen kann, sollte die gebotene Umkehr erleichtern: Sollten die Absichtserklärungen ernst gemeint sein, die autarke Produktion von (über)lebenswichtigen Waren auf unseren Kontinent zurückzuholen, gäbe es auch reichlich Chancen für Betriebe, die ihre Zukunft nicht in fernen Ländern oder auf dem Mond suchen. Sondern in der Heimat.

 

Ernüchterung im schwedischen Skellefteå

 

Der Leuchtturm-Konservative Franz-Josef Strauß forderte, dass die Wirtschaft gerade in Krisenzeiten der Fahne folgen müsse. Davon sind wir heute (noch?) weit entfernt. Der amtierende Kanzler lässt wie manche Vorgänger eher das Gegenteil befürchten. Womöglich zum kurzfristigen Nutzen von Metropol-Regionen, aber sicher nicht für den ländlichen Raum.

 

Am Rande: Im schwedischen Skellefteå, wo ehemalige Top-Manager des Musk-Imperiums eine Giga-Batteriefabrik aus dem Boden gestampft haben, macht sich längst Ernüchterung breit. Nicht nur wegen dramatisch gestiegener Immobilienpreise und wegen der Sorgen um die soziale Betriebskultur, sondern auch wegen enttäuschter Hoffnungen, dass bei so einem Projekt auch reichlich Aufträge für die Firmen der Region abfallen.

 


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