23,8 Millionen Pendler in Deutschland – eine politische Größe

Im Laufe der Jahre sind die Arbeitswege immer länger geworden und die Mobilität hat insgesamt zugenommen

Pendelnde Autofahrer verbringen wertvolle Lebenszeit auf der Straße, weil sie aufgrund von Baustellen und Unfällen lange im Stau stecken. (Symbolbild: pixaoppa)
Pendelnde Autofahrer verbringen wertvolle Lebenszeit auf der Straße, weil sie aufgrund von Baustellen und Unfällen lange im Stau stecken. (Symbolbild: pixaoppa)

 

Von Christian Urlage

 

Nicht weniger als 23,8 Millionen Menschen in Deutschland pendeln zu ihrem Arbeitsplatz – eine erstaunlich hohe Zahl, die dadurch zustande kommt, dass alle gezählt werden, die ihren Wohnort dafür verlassen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen bilden Pendler mit 4,8 Millionen Berufstätigen sogar die Mehrheit im Vergleich zu den 4,3 Millionen Beschäftigten, die an ihrem Heimatort arbeiten. In Baden-Württemberg pendeln fast 3,8 Millionen, in Niedersachsen 2,4 Millionen. Die Arbeitswege sind im Laufe der Jahre immer länger geworden, die Mobilität hat zugenommen.

 

Hinter den nackten Zahlen verstecken sich zahlreiche Einzelfälle: Autofahrer verbringen wertvolle Lebenszeit auf der Straße, weil sie aufgrund von Baustellen und Unfällen lange im Stau stecken. Und Bahnfahrer sind genervt von regelmäßigen Zug-Verspätungen, die auch schon mal eine ganze Stunde betragen können. So etwas kann sich bei Fernpendlern negativ auf die Gesundheit auswirken.

 

Die Zahlen, die kürzlich die Statistischen Landesämter präsentiert haben, zeigen zugleich: Berufspendler sind eine politische Größe. Sie haben Gewicht für die Finanzpolitik wegen der Höhe der Pendlerpauschale, für den Klimaschutz wegen des Benzinverbrauchs und für den Wohnungsbau wegen der vielen Pendlergemeinden in ländlichen Regionen oder im Speckgürtel von Metropolen. Und natürlich sind Berufspendler ein Thema für die Verkehrspolitik.

 

Kein Wort zu Pendlern im Koalitionsvertrag

 

Umso erstaunlicher ist es, dass das Wort Pendler zum Beispiel im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen im Flächenland Niedersachsen gar nicht auftaucht. Dass die meisten Berufspendler das Auto nutzen, mag man beklagen, ebenso, dass sie in ihrem Wagen fast immer alleine sitzen. Aber dieses Problem lässt sich nicht durch Rufbusse, Bürgerbusse oder On-Demand-Angebote lösen, sondern nur durch einen Ausbau des ÖPNV mit dichterer Taktung. Und nur begrenzt hilft die Reaktivierung stillgelegter Eisenbahnstrecken und der Ausbau von Radschnellwegen, so sinnvoll dies auch sein mag.

 

Dank mit Schokolade und Musik

 

Wer in ländlichen Regionen wohnt, braucht andere, möglicherweise originelle Lösungen. Das wäre eine verdienstvolle Aufgabe für die Forschung und Wissenschaft. Sinnvoll ist es auch, jenen zu danken, die nachhaltige Verkehrsmittel wie Bus und Bahn nutzen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Ludwigsburg mit ihrem parteilosen Oberbürgermeister Matthias Knecht an der Spitze haben das kürzlich vorgemacht: Sie überraschten Pendlerinnen und Pendler am Bahnhofsausgang mit Schokolade und einer musikalischen Darbietung. Das mag man für Symbolpolitik halten, ist aber allemal besser als Verbote für Autofahrer.

 


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