Liefer-Drohnen am Dorf-Himmel

„DroLEx“ soll zeigen, ob sich mit Drohnen ein Versorgungssystem für ländliche Regionen aufbauen lässt

Im Rahmen eines Pilotprojekts werden Güter des täglichen Bedarfs per Wingcopter von einem mittelgroßen Zentrum in umliegende kleinere Dörfer geflogen, wo sie per Lastenrad an Endkunden geliefert werden. (Foto: Wingcopter)
Im Rahmen eines Pilotprojekts werden Güter des täglichen Bedarfs per Wingcopter von einem mittelgroßen Zentrum in umliegende kleinere Dörfer geflogen, wo sie per Lastenrad an Endkunden geliefert werden. (Foto: Wingcopter)

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

Ein Dorf in Südhessen wird ab dem kommenden Frühjahr zum Testgebiet. In der Ortschaft soll untersucht werden, ob Dinge des täglichen Bedarfs – von der Tütenmilch bis zum Toilettenpapier – per Drohne und Lastenrad zuverlässig zum Kunden geschickt werden können. Keine Spinnerei, sondern ein wissenschaftliches Projekt, das gemeinsam von der Frankfurt University of Applied Sciences und der Wingcopter GmbH betrieben wird. Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr fördert das einjährige Projekt mit dem Namen „DroLEx“ (Drohnen-Lastenrad-Express-Belieferung) mit rund 430.000 Euro.

 

Die Wingcopter GmbH, die unweit des Frankfurter Flughafens residiert, ist ein Start-up-Unternehmen im Bereich Luftfahrt, das unbemannte Drohnen entwickelt und produziert. Allein in diesem Jahr hat die kleine Firma bei finanzstarken Geldgebern, die von der Zukunft ziviler Drohnen überzeugt sind, über 40 Millionen Euro eingesammelt. Zu den Anteilseignern gehört seit Juni die Rewe-Gruppe. Und auch der milliardenschwere japanische Konzern Itochu, der unter anderem eine der größten asiatischen Supermarktketten betreibt, ist bei Wingcopter eingestiegen.

 

Eine Eintagsfliege am Himmel?

 

Das klingt nach Umsatz und Markterfolg. Doch es stellt sich die Frage, ob die wendigen Drohnen aus der Wingcopter-Schmiede tatsächlich die oft beklagten Versorgungslücken in abgelegenen ländlichen Regionen schließen können. Mit einer Eintagsfliege am Himmel, die gerade einmal eine Last von sechs Kilogramm transportieren kann, wäre wohl niemandem gedient. Erst ein verlässlicher Regelbetrieb bei Wind und Wetter würde dem Dorf ohne Supermarkt oder Dorfladen helfen. Vorstellbar ist dies Szenario aber kaum.

 

Denn während „DroLEx“ mit Bundesmitteln startet, hat die Drohnen-Begeisterung bei großen Logistik-Unternehmen wie der DHL längst nachgelassen. Die Entwicklung eines eigenen Paketkopters wurde im Sommer 2021 eingestellt. Bis dahin hatte DHL mit großem Aufwand versucht, abgelegene Ziele wie die Insel Juist oder eine Alpengemeinde auf dem Luftweg versuchsweise mit Paketen zu versorgen. Der fliegende Postbote ist ebenso ein Traum geblieben wie der fliegende Paketauslieferer, den der Versandhändler Amazon entwickelte. Auch dessen Projekt „Prime Air“ ist inzwischen Geschichte. Experimentiert wird in der Szene aktuell vor allem mit Großdrohnen, die auch schwere Lasten schleppen können.

 

Es geht um die „letzte Meile“

 

„DroLEx“ soll zeigen, ob sich mit Drohnen ein Versorgungssystem für ländliche Regionen aufbauen lässt. Im Versuch geht es nicht um Langstreckenflüge, sondern um die „letzte Meile“. In der Logistik wird so der Weg einer online bestellten Ware vom Händler zum Kunden bezeichnet. Die „letzte Meile“ gilt als Königsdisziplin. Erreicht die Ware den Kunden nicht oder zu spät, ist das Geschäft gescheitert. Kann die Drohne wegen einer Sturmwarnung nicht starten, wartet der Lastenradbote vergebens auf die Güter.

 

Bei ihrem Projekt wollen Hochschule und Firma die regionalen Einzelhändler in Südhessen als Partner gewinnen. Die Idee: Von einem Mittelzentrum aus sollen die Güter per Drohne in umliegende kleinere Ortsteile geflogen werden. Die Waren werden dann entweder direkt mit der Drohne oder per Elektro-Lastenrad zugestellt. Da auch die Wingcopter-Drohnen mit batteriebetriebenen Propellermotoren unterwegs sind, gilt das Vorhaben zumindest als ökologisch vorteilhaft. Aber funktioniert es in der Realität?

 

So schön die Idee von kleinen Liefer-Drohnen am Himmel für manch einen Technikbegeisterten sein mag, spätestens Kosten dürften dafür sorgen, dass die Kirche im Dorf bleibt. Denn es ist schwer vorstellbar, dass es sich im wettbewerbsgetriebenen Handel lohnt, für alltägliche und knapp kalkulierte Gebrauchsgüter ein Drohnensystem aufzubauen.

 

Bis zum August 2023 dauert die Projektphase. Spätestens dann wird man im Ministerium wissen, ob die 430.000 Euro gut anlegt wurden. 

 


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