Die bayerische Angst

Beim CSU-Parteitag wurde klar, dass Markus Söder momentan andere Sorgen hat als das Machtgefüge in der Union

CSU-Parteichef Markus Söder. (Quelle: CSU/Screenshot)
CSU-Parteichef Markus Söder. (Quelle: CSU/Screenshot)

 

Von Michael Lehner

 

Wenn öffentliche Schuldbekenntnisse Wahrheitsgehalt haben, dann gilt das wohl für den augenblicklichen Zustand der CSU: Dass die Machtkämpfe im Vorfeld der letzten Bundestagswahl die Union um den Sieg brachten, schallt im Augsburger Kongresszentrum aus allen Ecken. Zum Star des Treffens wird einer, den die große Schwesterpartei CDU in eigener Zerstrittenheit nicht als Kanzlerkandidaten wollte: Friedrich Merz hält eine Lehrstunde in politischer Scharfzüngigkeit, auch was die Rolle des CSU-Chefs in jenem Bruderkrieg angeht.

 

Vor solchem Hintergrund verbieten sich für Bayerns Konservative sogar die Muskelspiele vergangener Epochen: Die CSU ist momentan sich selbst genug. Weit entfernt von Zeiten, zu denen absolute Regierungsmehrheiten im Freistaat wie gottgegeben schienen. In Umfragen unter 40 Prozent verharrend, bekennt sich Söder sogar jetzt schon zur Fortsetzung der Koalition mit den Freien Wählern nach der Landtagswahl im Herbst 2023. Bei seiner Aufzählung der Baustellen, um die sich die CSU kümmern muss, fällt dem CSU-Chef wieder öfter der ländliche Raum ein, der längst nicht mehr Heimspielarena für seine Partei ist.

 

Der Anteil der Menschen, die in der aktuellen Krise um ihre Zukunft fürchten, ist in Bayern größer als im Bundesdurchschnitt. Das hat sicher auch mit dem vergleichsweise hohen Anteil ländlicher Strukturen zu tun. Dort spielen zum Beispiel die Kraftstoffpreise eine weit wichtigere Rolle als in Metropolregionen. Wie der Heizölpreis, den die Ampelkoalition beim Schnüren ihrer Hilfspakete lange ignorierte. Auch bei diesen Fragen versucht Söder nun zu punkten. Aber noch deutlicher ist immer sein Bemühen, die Energiepolitik seiner Vorgänger schön zu reden.

 

Korrekturen mit Tücken

 

Die hohe Abhängigkeit von Energieimporten ist der eine wunde Punkt in der Leistungsbilanz der CSU. Der andere ist der über Jahrzehnte gepflegte Irrglaube, dass das Landvolk fast automatisch CSU wähle. Die Korrekturen, die jetzt einsetzen, haben zudem ihre Tücken: In Bayerns Großstädten ist auch das gutbürgerliche Publikum anfällig für wohlfeile Wünsche wie mehr öffentlichem Nahverkehr, möglichst zum Nulltarif. Wie in der CDU haben die Parteitagsregisseure der CSU reichlich Mühe, das Drängen auf Frauenquoten unter Kontrolle zu halten. Höchstens beim Transgender-Hype gibt es noch klare Grenzen zwischen linksgrünen Milieus und zeitgeistigem Großstadt-Bürgertum.

Gerade Markus Söder hatte das Dilemma früher als andere Führungskräfte der Union erkannt. Als er noch Kanzler werden wollte, umarmte er nicht nur Bäume, sondern – verbal – auch die Grünen. Jetzt schlägt er auf den Wirtschaftsminister der Grünen noch mehr ein als auf den SPD-Kanzler, der momentan allen Anlass zu begründeter Kritik durch Konservative und Grüne bietet. Vorbereitung für den Fall, dass die Ampelkoalition darüber platzen sollte, sieht anders aus.

 

Es geht bei der CSU um den Machterhalt in der Heimat

 

Aber Bayerns Regierungspartei kämpft eben nicht mehr um die Meinungsführerschaft im Bund, sondern um den Machterhalt in der Heimat. Dass sie dabei damit beginnt, die Provinz als lange vernachlässigtes Wählerreservoir zu entdecken, gehört zu den erfreulichen Seiten des Wandels. Da könnten womöglich sogar bäuerliche Energiegenossenschaften profitieren, die in München lange Jahre eher als lästig wahrgenommen wurden – nicht nur wegen der Angst, dass Windräder das schöne Bild des Bilderbuchlandes Bayern stören. Sondern auch wegen der fragwürdigen Weisheit, dass der Teufel am liebsten auf die großen Haufen…

 

Die Zeiten, in denen es zum politischen Machterhalt genügte, auf die DAX-Konzerne und den Mainstream der Metropolen zu hören, scheinen vorüber, auch in Bayern. Söder hat seine Gefolgsleute auf dem Parteitag ermuntert, kein Dorf-Fest auszulassen und auch dem Landvolk aufs Maul zu schauen. Er weiß, dass die CSU in diesen Disziplinen schon mal deutlich besser war.

 


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