Kein Bier mehr auf dem Lande

Das Aus der Landgasthöfe ist längst beschlossene Sache

Szene aus dem Film „Mittagsstunde“ von Lars Jessen.
Szene aus dem Film „Mittagsstunde“ von Lars Jessen.

 

Von Jürgen Muhl

 

Bestseller-Autorin Dörte Hansen, die in Husum an der Nordseeküste lebt, sucht

für die Verfilmung ihres neuesten Erfolgsromans „Mittagsstunde" einen Gasthof aus alten Zeiten. Auf dem Weg von Flensburg nach Husum in der schleswig-holsteinischen Idylle stoppt Dörte Hansen mitten in dem kleinen Ort Sollbrück. Ein Bauerndorf, in dem die Zeit offenbar stehen geblieben ist. Kaum Menschen auf der Straße, vereinzelt kommt ein Trecker um die Ecke. Im alten Landgasthof, der nur noch gelegentlich öffnet, brennt ein schwaches Licht.

 

Dörte Hansen geht ins Haus und entdeckt die ideale Kulisse für ihren Roman, der größtenteils in einem Gasthof spielt. Und so wird aus Sollbrück das fiktive Dorf "Brinkebüll", der Gasthof heißt in dem Film "Sönke Feddersen". Der über 90 Jahre alte Gastwirt schleppt sich mit dem Rollator an die Theke seines Gasthofs, um die letzten Stammgäste zu bedienen. Und um über „dies und jenes“ zu schnacken. Das ist grob gesagt der Inhalt des Romanfilms, der in diesen Wochen bundesweit die Kinos füllt.

 

Der ländliche Raum auf der nordfriesischen Geest bietet die ideale Kulisse, um aus einem geschriebenen Bestseller einen bewegenden Kassenschlager zu machen. Was das Dorf Sollbrück im südlichen Kreis Schleswig-Flensburg mit seinen vier- bis fünfhundert Einwohnern über einige Wochen in ein beliebtes Ausflugsziel verwandelt hat. Im Gasthof aber sind die Türen nach den Dreharbeiten wieder verschlossen. Gastronomische Kleinbetriebe dieser Art haben keine Zukunft. Das Aus der Landgasthöfe ist längst beschlossene Sache. Nicht durch jedes Dorf führt die Reise einer bekannten Autorin. Die meisten Orte dämmern vor sich hin. Kein Kaufmann, keine Bäckerei, kein Gasthof. Alles geschlossen. Stillgelegt.

 

Überall die gleiche Situation

 

Die Situation in Sollbrück hat bundesweiten Charakter. Der ländliche Raum blutet aus. Selbst in größeren Orten mit Einwohnerzahlen bis zu 7.000 - so wie in der Gemeinde Kropp mit dem flächenmäßig größten Luftwaffen-Flugplatz in direkter Nachbarschaft zur Gemeinde Jagel - zwischen Schleswig und Rendsburg gelegen, wird die Suche nach einem Bier am Tresen zu einem schwierigen Unterfangen. Noch Anfang der achtziger Jahre gab es hier 16 Gastwirtschaften, die Speis und Trank auf der Karte hatten. Geblieben ist eine Gaststätte, deren Besitzer-Ehepaar sich lieber heute als morgen von dem Betrieb trennen möchte.

 

Die ländliche Gastronomie rechnet sich in der Regel nicht mehr. Zu sehr hat sich das Freizeitverhalten auch jener Menschen, die aufs Land gezogen sind, verändert. Fernsehen oder der Aufenthalt am Laptop - das tägliche Abendprogramm hat die Gastronomie ausgeschlossen. Ein gesellschaftliches Desaster, das sich zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen etabliert hat.

 

Diese Situation hat durch die aktuelle Kostenexplosion und Personal-Knappheit weiter an Fahrt aufgenommen. Bundesweit bangen an die 70 Prozent der Gastro-Betriebe - und dazu gehören auch die städtischen Kneipen und Restaurants - um ihr Überleben. Im Vergleich zum August sind das um fast 40 Prozent mehr Betriebe, die in Existenzangst leben, wie aus einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) hervorgeht.

 

Umsätze stark gesunken

 

Die drastischen Folgen der Krise zeigen sich auch im fehlenden Geschäft. Im September lagen die Umsätze der Restaurants und Hotels mit einem Minus von acht Prozent deutlich unter dem Vorkrisenniveau im September von 2019. Für den Zeitraum von Januar bis September meldet die Branche ein Minus von über zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das dritte Verlustjahr in Folge steht an.

 

Eine Reihe von Betrieben denkt über ein sogenanntes "Eintrittsgeld" nach. Fünf Euro pro Person für die erhöhten Energiepreise sind im Gespräch. Sozusagen ein vorweggenommenes Trinkgeld. Aber machen das die letzten zahlenden Gäste mit? Wohl eher nicht. Nicht ausgeschlossen, dass auf der Urlaubsinsel Sylt demnächst ein Testbetrieb in diese Richtung gestartet wird. Der Verband fordert mehr Tempo bei den von der Politik angekündigten Entlastungsmaßnahmen. Erst Corona, dann die Energiepreis-Explosion. Die Gastronomie steht vor ihrer schlimmsten Krise, seit Bier ausgeschenkt und Wein serviert wird. Laut der DEHOGA-Umfrage wachsen die Energiekosten ab Oktober dieses Jahres um durchschnittlich 55 Prozent, ab Januar 2023 um 96 Prozent. Auch die Personalkosten seien um 20 Prozent gestiegen, heißt es.

 

Die Gastronomie befindet sich in einem Dilemma. Auf dem Lande noch stärker als in den Ballungszentren. Brinkebüll ist überall.

 


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