Die Ausgewogenheit von Mensch, Natur und Tier

Tiefgründige Gedanken zum kalendarischen Herbstanfang

Wildschweine im herbstlichen Wald. (Symbolbild: Dann Aragrim)
Wildschweine im herbstlichen Wald. (Symbolbild: Dann Aragrim)

 

Von Henning Röhl

 

Im Herbst ist die Natur am schönsten, sagen manche. Vor dem winterlichen Sterben zeigt sie sich noch einmal in ihrer ganzen Pracht. Auch Herbstgedichte gehören zur eindrucksvollsten und schönsten Naturlyrik. „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah, die Luft ist still als atmete man kaum“, dichtete der Norddeutsche Friedrich Hebbel und Rainer Maria Rilke sieht die Natur als Teil des übergeordneten Werdens und Vergehens: „Die Blätter fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten…“

 

Der Herbst, die bunte Jahreszeit des Blühens und Verblühens, die zugleich die Zeit der ersten Stürme und des Abschieds vom Sommer ist, hat viele Dichter angeregt, den Dreiklang zwischen Werden, Blühen und Vergehen, zwischen Mensch, Natur und Gott poetisch zu umschreiben: „Und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“ So endet Rilkes Gedicht, das den schlichten Titel „Herbst“ trägt.

 

Mich erinnern diese Herbsttage immer wieder an wunderbare reiterliche Erlebnisse vor vielen, vielen Jahren, als wir mit unseren Pferden in Gernsbach in Baden zur katholischen Kirche auf den Stadtberg zur Hubertusmesse ritten. Es waren wunderbare Erlebnisse: die Jagdhörner bliesen, der Pfarrer segnete Pferde und Reiter, und wir fühlten und spürten den Dreiklang zwischen Gott, Kreatur und Mensch; zwischen uns Reiterinnen und Reitern, unseren Pferden und dem göttlichen Schöpfer.

 

Mag sein, dass dieses Bild von Heute besehen allzu idyllisch und harmonisch erscheint, aber es ist dennoch nicht nur verklärte Erinnerung. Es ist ein Stück unwiederbringliche Vergangenheit.

 

Hubertusmessen und Segnungen von Pferd und Reiter

 

Es gibt immer noch Hubertusmessen und Segnungen von Pferd und Reiter, aber Vieles von dem, was über Jahrzehnte als gewohnt und richtig galt, ist ins Wanken geraten. Das ausgewogene Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Tier zum Beispiel. Der Mensch pflegt die Natur, aber ergreift auch in sie ein, um kontrolliertes Wachsen zu ermöglichen und sich zu ernähren. Er züchtet Tiere, auch damit sie ihn ernähren. Zugleich können Tiere für ihn aber auch wertvolle Begleiter sein.

 

Gott, Mensch und Kreatur: Ein Zusammenhang

 

Vielleicht ist es nur ein nostalgisches Idealbild, aber ich denke schon, es gab einmal ein stärker ausgewogeneres und stimmigeres Verhältnis zwischen Mensch und Tier als heute. Wobei es für mich genauso wie für Viele in früheren Generationen kein Zweierverhältnis sondern immer eine Dreiecksbeziehung war:  Gott – Mensch – und Kreatur bildeten einen Zusammenhang. Sie bedingen einander, sind aufeinander angewiesen, keiner in diesem Dreierverhältnis kann ohne den Anderen.  Alle sind Bestandteile der wunderbaren Schöpfung, alle haben an ihrem Ort ihren eigenen Stellenwert. Auch wenn es zwischen den drei Komponenten durchaus eine Abstufung gibt.

 

Der christliche Gott ist der Schöpfer allen Lebens. Ihn begrenzt keine zeitliche Bedingtheit, er ist nicht dem Wandel von Leben und Sterben unterworfen. Diese Zeitlosigkeit gilt letztendlich für alle „Gottheiten“, von denen wir in den Glaubensgeschichten der Menschheit erfahren. Für sie gilt das Attribut „ewig“.

 

Die Frage nach dem überhöhten Tierbild

 

Aber stehen nun Tier und Mensch auf einer Stufe? Wäre das nicht ein zu überhöhtes Tierbild? Haben Tiere gar so etwas wie eine Seele? Diese Fragen spielte schon bei den alten griechischen Philosophen eine Rolle, im Judentum waren sie ebenso präsent und auch bei uns werden sie von Theologen und Philosophen schon so lange gestellt, wie es ein Nachdenken über das Design der Schöpfung gibt. Zumeist mit sehr eindeutiger Antwort: Natürlich haben Tiere eine Seele, sie können fühlen und lernen, sie können treu sein und zärtlich, böse und falsch.

 

Und dennoch gibt es in Natur und Schöpfung kein ausgewogenes Dreiecksverhältnis sondern so etwas wie eine hierarchische Abstufung auch zwischen Mensch und Tier. Als einziges Lebewesen ist der Mensch vernunftbegabt. Er kann Denken, sein Gefühl ist mehr als ein Instinkt und sein Erfindungsreichtum geht weit über instinktives Verhalten hinaus. Dass er seine immensen Fähigkeiten oft auch in die falsche Richtung lenkt, wird uns gerade in diesen Tagen während des Ukrainekrieges wieder sehr bewusst. Dennoch bleibt der prinzipielle Unterschied oder, wenn man so will, die graduelle Abstufung zwischen Mensch und Tier.

 

Der Mensch kann die Abläufe der Natur in seinem Sinne nutzen

 

Der Mensch hat die Fähigkeit in das Wachsen und Werden einzugreifen und es für seine Zwecke nutzbar zu machen. Er kann vorausschauen und planen und die Abläufe der Natur in seinem Sinne nutzen. Allerdings: das oft falsch verstandene biblische Wort aus der Schöpfungsgeschichte „machet Euch die Erde untertan“ bedeutet nicht, dass der Mensch nach seinem Gusto schalten und walten kann. Die Umwelt ist durch diesen Bibelvers eben nicht zur Ausbeutung freigegeben sondern zu sorgsamer Hege und Pflege. Zu verantwortungsvollem Umgang mit den Ressourcen der Natur.

 

Nun scheint dieses sorgsam austarierte Verhältnis zwischen dem Design der Natur, zwischen der Kreatur und dem vernunftbegabten Menschen kräftig durcheinander geraten zu sein. In vielen Bereichen, zum Beispiel auch im Verhältnis zwischen Mensch und Tier.

 

Die Zahl derer, die Toleranz zur Lebensmaxime erhoben haben, nimmt ab

 

Nichts dagegen, dass zum Beispiel die Zahl der Vegetarier und auch die der Veganer zunimmt. Sie haben ihre Berechtigung genauso wie diejenigen, die ein schönes Steak oder einen Rehrücken essen mögen. Doch die Beziehungen der Menschen untereinander geraten immer dann in Unordnung, wenn einige ihre Anschauungen intolerant und mit allzu großer Rücksichtslosigkeit verfolgen. Wenn Fleischesser zum Beispiel verpönt und angegriffen werden, Jäger als schießwütige Grünröcke verunglimpft oder manche Haustiere menschlich überhöht werden. Die Zahl derer, die Toleranz zur Lebensmaxime erhoben haben, nimmt leider ab. Die Zahl der Besserwisser und Uneinsichtigen leider zu. Dass Jäger und Heger nicht voneinander zu trennen sind, wird von immer mehr Kritikern außer Acht gelassen.

 

Nirgend wann kann die Natur so schön sein wie im Herbst, doch Blühen und Vergehen gehören zusammen. Es bedarf schon einiger Anstrengungen um Beides, die Schönheit und das Sterben, den Überschuss und den Mangel, das Werden und Vergehen als positive Einheit zu sehen. 

 


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