Die schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt

Derzeit geht der Bau von Einfamilienhäusern bundesweit rapide zurück

Im Bau befindliches Mehrfamilienhaus. (Symbolbild: Ulrike Leone)
Im Bau befindliches Mehrfamilienhaus. (Symbolbild: Ulrike Leone)

 

Von Jürgen Muhl 

 

„Klimaschutz darf nicht dazu führen, dass Menschen sich das Wohnen nicht mehr leisten können und womöglich umziehen müssen." Andreas Breitner, Direktor des Verbandes Norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) und „Herr“ über 760.000 Wohnungen in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, befürchtet Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten in der zukünftigen Wohnungsbaupolitik in Deutschland, wie er gegenüber dem Blog „Natur + Mensch“ sagte. Der SPD-Politiker war von 2012 bis 2014 Innenminister des Landes Schleswig-Holstein und zuvor Bürgermeister der Stadt Rendsburg.

 

Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden sei aufwendig und der Ertrag stünde häufig nicht im Verhältnis zum Aufwand. Man werde mit vertretbarem Aufwand aus einem 50er-Jahre-Gebäude kein klimaneutrales Wohnhaus machen können. Breitner plädiert dafür, die Herkunft der Heizenergie mehr in den Fokus zu rücken. Werde diese regenerativ erzeugt, spiele es keine entscheidende Rolle, ob der Verbrauch etwas höher sei.

 

Der Verbandschef lehnt Versuche des Gesetzgebers ab, der „gesamten Wohnungswirtschaft per Ordnungsrecht eine technische Lösung - wie im Falle der Solardachpflicht - aufzwingen" zu wollen. Skeptisch sieht Breitner die Zukunft des Einfamilienhauses. Ohnehin sei diese Bauform in Deutschland auf dem Rückzug. So stagniere der Neubau von Ein- und Zweifamilienhäusern. Im Jahr 2020 wurde der Bau von 288.000 Wohnungen genehmigt. Davon, so Breitner, werden fast 170.000, also fast 60 Prozent, in Mehrfamilienhäusern geschaffen.

 

Immer weniger neue Einfamilienhäuser

 

Derzeit geht der Bau von Einfamilienhäusern bundesweit rapide zurück. Die Kommunen, darunter auch viele kleine Gemeinden, verzeichnen eine Großzahl von vor kurzem noch Bauwilligen, die ihre Grundstücke zurückgeben, soweit es möglich ist. Ganze Neubaugebiete stehen leer. Die höheren Zinsen und die eklatant gestiegenen Baupreise haben diesen Rücktritts-Boom ausgelöst.

 

„Mehr Einfamilienhäuser widersprechen dem Leitbild einer solidarischen Stadt", erklärt Breitner. Ein alleinstehendes Einfamilienhaus verbrauche überdurchschnittlich viel Fläche. Problematisch seien die sogenannten Sekundärkosten für die Erschließung des Wohngebietes; also für Straßen, Leitungen, Schulen oder Kinderversorgung. Diese Kosten müssten von der gesamten Stadtgesellschaft getragen werden, fügte Breitner hinzu. 

 

Breitner formuliert ein Plädoyer für den Geschosswohnungsbau: Dies sei der richtige Weg, den massiven Flächenverbrauch zu reduzieren und zugleich die Herausforderungen des Klimaschutzes zu bewältigen.

 

Die Situation auf dem flachen Land sei etwas anders zu bewerten. Dort werde der Dorfkern oftmals durch leerstehende ältere Häuser geprägt, während am Rande Einfamilienhausgebiete entstehen. Viele ältere Menschen seien irgendwann mit ihrem großen Einfamilienhaus und dem Garten überfordert. Sie würden gern in eine Wohnung ziehen, wollten aber ihren Heimatort nicht verlassen. Es spreche also nichts dagegen, auch auf dem Land zwei- oder dreigeschossige Mehrfamilienhäuser zu errichten, empfiehlt der Verbandsvorsitzende.

 

Erbengeneration mit viel Geld

 

Breitner sieht immer noch „viel Geld im Markt der Haus- und Wohnungswirtschaft". Dafür sorge schon „eine gut ausgestattete Erbengeneration", die sich für Häuser oder Wohnungen in Top-Lagen interessiert. Vom Preis- und Zinsanstieg sowie der galoppierenden Inflation sei wirklich ernsthaft nur das bezahlbare Wohnen bedroht. Sozial eingestellte Vermieter, deren Geschäftsmodell darin besteht, hochwertigen, aber bezahlbaren Wohnraum zu vermieten, könnten derzeit kaum mehr bauen. Breitner nennt ein Beispiel: In Hamburg ist im ersten Halbjahr 2022 der Bau von gerade einmal 19 Sozialwohnungen beantragt und genehmigt worden.

 


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