Wenn aus einer Kloake wieder ein Fluss wird

Die jetzt abgeschlossene Renaturierung der Emscher kostete rund 5,5 Milliarden Euro

Gasometer Oberhausen, im Vordergrund die Emscher. (Foto: Markus Lindner)
Gasometer Oberhausen, im Vordergrund die Emscher. (Foto: Markus Lindner)

 

Von Wolfgang Molitor

 

Es dauert, wenn schwere Umweltsünden wieder gut gemacht werden sollen. Viel muss sich verändern, wenn die Schäden einer beispiellosen Wasserverschmutzung behoben werden müssen – in den Köpfen wie in der Wirtschaft. Drei Jahrzehnte hat es daher gebraucht, aus einer biologisch toten Ruhrpottkloake wieder einen sauberen Fluss zu machen. Was für ein Projekt, welche Leistung. Sogar der Bundeskanzler wollte dabei sein, als jetzt in Castrop-Rauxel der Abschluss der 5,5-Milliarden-Euro-Renaturierung der Emscher gefeiert wurde.

 

Jedes Kind im Ruhrgebiet hatte von jenem Kanal gehört, aus dem es stank, in dem pechschwarze Flüssigkeit bis zur Mündung in den Rhein zwischen schrägen Betonwänden eingeschlossen war, aus der es für so manchen, der reinfiel, keine Rettung mehr gab. Die Emscher, das war ein Symbol nicht nur für Umweltfrevel, sondern auch für Wirtschaftswachstum und die industrielle Bedeutung der Stahlwerke und Zechen. Die Emscher war eine Öko-Schande, aber sie stand auch für Zigtausende Jobs und florierende Geschäfte.

 

Olaf Scholz sprach in seiner Festrede von einem "Generationenprojekt", das zeige, was mit gemeinsamen Anstrengungen erreicht werden könne. Dass es sich lohne, mutig große Ziele zu setzen. Wie heute das Vorhaben, Deutschland bis 2045 zu einem klimaneutralen modernden Industrieland umzubauen.

 

Ein begradigter Abwasserkanal

 

Die Emscher gehörte lange mit ihrem Dreck und Gestank zum Bild des Ruhrpotts. Der Fluss war nach der beginnenden Industrialisierung in einen begradigten Abwasserkanal verwandelt worden und verkam zu einem biologisch toten Gewässer. Da der Bergbau unterirdische Kanäle unmöglich machte, diente die Emscher auch der Abwasserentsorgung von Haushalten. Sie war der schmutzigste Fluss Deutschlands, und bis in die 80er Jahre nahm man das naserümpfend als unvermeidlich hin.

 

Vor 30 Jahren wurde dann ein großangelegtes Renaturierungs- und Sanierungsprojekt gestartet, eines der größten derartigen Vorhaben europa- und weltweit. Dazu gehört der Bau eines 51 Kilometer langen unterirdischen Hauptabwasserkanals parallel zum Flusslauf sowie der Neubau von modernen Klär- und Abwasserpumpanlagen im Raum Dortmund, Duisburg, Bottrop und Gelsenkirchen – plus zahlreiche weitere unterirdische Kanäle. Insgesamt rund 430 Kilometer.

 

Ein Jahrhundertwerk in der Tat. Denn parallel dazu wurden oberirdisch der radikal begradigte Flusslauf der Emscher samt ihrer Nebenflüsse renaturiert. Verknüpft wurde das Projekt mit städtebaulichen Projekten zur Bewältigung des Strukturwandels im Ruhrgebiet, etwa dem Phönix-See in Dortmund als innovatives neues Wohn- und Freizeitgelände.

 

Gemeinsamer Kraftakt

 

Der Kraftakt wurde vom Ruhrgebiet gemeinsam getragen. Aber auch das Land Nordrhein-Westfalen, die EU und der Bund beteiligten sich. Jetzt ist die Emscher seit Anfang dieses Jahres erstmals seit mehr als 150 Jahren abwasserfrei. 2027 soll es dann mit der Renaturierung des Flusslaufs und der Emschermündung in den Rhein endgültig fertig sein.

 

Die Wiedergeburt der Emscher, sie ist ein Beweis, dass Umweltschutz und Wiederbelebung scheinbar unrettbar zerstörter Landschaften möglich sind, wenn alle an einem Strick ziehen und ihren Wert trotz milliardenschwerer Finanzlasten erkennen.

 

Eine saubere Emscher setzt endgültig mit einen Schlusspunkt hinter die Montan-Geschichte einer einst übermächtigen Raubbau-Industrialisierung. Auch wenn viele sich noch lange daran erinnern werden, wie es hier bis zum Himmel gestunken hat.

 


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