Das geht auf keinen Kuhfladen

Wie Bayerns Regierungsparteien einen Haufen Mist zum Kabinettsstreit eskalieren
Ortstermin mit Medienrummel: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern (links) sorgt sich nach dem Kuhfladen-Bußgeld um den Bauernstand. Hier mit Landwirt Georg Schweiger bei der Übergabe des Bußgeldes. (Foto: StMWi Bayern)
Ortstermin mit Medienrummel: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern (links) sorgt sich nach dem Kuhfladen-Bußgeld um den Bauernstand. Hier mit Landwirt Georg Schweiger bei der Übergabe des Bußgeldes. (Foto: StMWi Bayern)

 

Von Michael Lehner

 

Der Fall könnte beispielgebend sein für die Konflikte zwischen Landwirtschaft und Neubürgern in bäuerlich geprägten Dörfern: Ein Milchviehhalter im oberbayerischen Landkreis Weilheim musste 128,50 Euro Bußgeld zahlen, weil seine Kühe auf dem Weg zur Weide auf die Straße kacken. Die Politik stürzt sich auf das Thema, inklusive Ortstermin.

 

Ob Misthaufen oder frühmorgens krähende Gockel: Krach um die herkömmliche Nutzung ländlicher Regionen hat Tradition, seit Stadtmenschen das Dorfleben als Alternative zum Großstadtdschungel entdeckt haben. Anders als Kirchenglocken und Stallgeruch sind Kuhfladen jedoch ein eher neuer Gegenstand in solchem Kulturkampf.

 

Pähl ist ein beschauliches Dorf von immer noch erkennbar landwirtschaftlicher Prägung. Zum Ammersee ist es nur ein Katzensprung und auch zum teuren Starnberger See haben sie es hier nicht weit. Die Gemeinde zählt zum Pfaffenwinkel, eine der schönsten Urlaubsregionen im schönen Oberbayern. Bis vor zwanzig, dreißig Jahren waren Immobilien trotzdem ziemlich erschwinglich. Was für reichlich Zuwanderung sorgte.

 

An die 2.500 Einwohner sind es heute in Pähl. Die CSU hat in solchem Wandel ihre einst beherrschende Rolle im Dorf eingebüßt und stellt noch ganze drei von 14 Gemeinderäten. Ebenso viele Räte stellen die Freien Wähler, den Rest diverse Bürger-Listen. Bürgermeister Werner Grünbauer, der den Kuhfladen-Streit ausbaden muss, kandidierte für die „Unabhängige Bürgerliste für Pähl und Fischen“.

 

Minister Aiwanger übernimmt Bußgeld

 

Spannend ist daran, dass das Dorf quasi über Nacht zum Schauplatz einer im Kern hochpolitischen Auseinandersetzung wurde: Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler und Wirtschaftsminister, reiste gleich nach den ersten Schlagzeilen mit wichtigen Vertretern seiner Landtagsfraktion an und übernahm das Kacke-Bußgeld.

 

Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber von der CSU reagierte aus dem fernen München – und eher verschnupft: Sie habe „ganz andere Sorgen“, bei denen sie über mehr Unterstützung von den Freien Wählern froh wäre. Kaniber hatte es in der Tat nicht immer leicht. Vor allem auch mit der eigenen Partei, die eben noch ein städtisch-grünes Publikum umgarnte.

 

Aiwanger hingegen muss seinen Kurs nicht ändern, wenn er zur Fäkal-Affäre vom Leder zieht: „Wenn den Landwirten auf so unnötige Weise das Leben schwer gemacht wird, trifft das letztlich auch unsere heimische Nahrungsmittelerzeugung, den Tourismus und andere Wirtschaftszweige. Wer in Sonntagsreden das Loblied auf die Bauern anstimmt, darf sie nicht am nächsten Tag für ihre Arbeit bestrafen“.

 

Wahr ist, dass die Arbeitsteilung in der vom Wahlvolk verordneten Zwangsehe von CSU und Freien Wählern einige Jahre recht reibungslos funktionierte. Aber seit die Grünen sich zur staatstragenden Partei fürs Großstadtpublikum mausern, hat die CSU den Wert des Landlebens neu für sich entdeckt. Mit Ministerpräsident Markus Söder im bisher eher ungewohnten Trachtenjanker an der Spitze.

 

„Mit sowas wäre man früher lässiger umgegangen“

 

Gemunkelt wird im Pfaffenwinkel, dass der parteilose Bürgermeister von Pähl auch unter Druck des von der CSU geführten Landratsamts gestanden habe, bevor er das Kot-Bußgeld verfügte. Der Süddeutschen Zeitung klagte der Rathaus-Chef jedenfalls sein Leid mit Sitten, die sich auch auf dem flachen Land gewandelt hätten: „Mit sowas wäre man früher lässiger umgegangen“. Und: „Die Gesellschaft ist in einem Wandel. Die Stresskulanz ist null.“

 

Ein Punkt wohl, den CSU wie Freie Wähler weniger gern ansprechen: Wachsende Teile der Wählerschaft beziehen ihr Bild vom Landleben aus Internet-Kanälen und großstädtisch geprägten Massenmedien: Vom Wolf, der angeblich gut für die Natur ist, obwohl er die ökologisch wertvolle Weidewirtschaft sehr erschwert. Bis zum Verdauungstrakt der Kühe, die angeblich zu den Hauptursachen des Klimawandels zählen.

 


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