Schröder ist Putins bester Propagandist

Der Altkanzler hat ein ausführliches Interview dazu genutzt, seine Russland-Propaganda auf die Spitze zu treiben

Gerhard Schröder umarmt Wladimir Putin (IMAGO / ITAR-TASS)
Gerhard Schröder umarmt Wladimir Putin (IMAGO / ITAR-TASS)

 

Von Hugo Müller-Vogg

 

„Ein Freund, ein guter Freund / Das ist das Beste, was es gibt auf der Welt / Ein Freund bleibt immer Freund / Und wenn die ganze Welt zusammenfällt“, sangen einst die „Comedian Harmonists. Ob Wladimir Putin, der bekanntlich gut deutsch spricht, dieses Liedchen summt, wenn er an Gerhard Schröder denkt? Grund dazu hätte er. Denn der Alt-Kanzler verteidigt den Kriegstreiber im Kreml so vehement, dass Putins Sprecher fast um seinen Job fürchten muss.

 

Schröder war kürzlich mal wieder in Moskau und hat dort mit Putin gesprochen, jener Freund und „lupenreine Demokrat, der Schröder im Kanzlerruhestand durch lukrative Jobs zum Millionär gemacht hat. Jetzt hat er in einem Interview mit dem „Stern“ und RLT/ntv über seine Gespräche berichtet: Sein einseitiges Fazit: Nicht Putin, der Westen ist an allem schuld. Schröders Thesen, für den sich inzwischen die Sozialdemokraten schämen, sind so haarsträubend, dass Putin sie auf seinen Propaganda-Kanälen als Dauerwerbesendung laufen lassen könnte.

 

Schröders Propagandathese Nr. 1: Siemens ist schuld, dass so wenig Gas aus Russland nach Deutschland kommt.

 

Schröder stellt die Lage so dar: Von fünf Turbinen könne zurzeit nur eine arbeiten. Denn eine müsse als Reserve bereitstehen, eine sei kaputt, eine werde gerade gewartet und die in Kanada reparierte befinde sich in Mülheim statt in Russland. Warum? „Das liegt in der Verantwortung von Siemens, wenn ich das richtig sehe.

 

Schon seltsam, dass von vier Turbinen gleichzeitig eine gewartet wird und eine kaputt ist – aber die Reserve nicht eingesetzt wird. Kann es dafür einen anderen Grund geben, als dass Putin genau das nicht will?

 

Schröders Propagandathese Nr. 2: Mit der Inbetriebnahme von Nord Stream 2 ließen sich alle Gasprobleme lösen.

 

Klar, Kriegsherr Putin wünscht sich nichts sehnlicher, als dass die Deutschen hier zu Kreuze kriechen. Und „Gas-Gerd“ pflichtet ihm bei: „Wenn man Nord Stream 2 nicht benutzen will, muss man die Folgen tragen. Und die werden auch in Deutschland riesig sein.“ So plump ist noch nie ein Ex-Kanzler der eigenen Regierung in den Rücken gefallen – und das auch noch einer von der SPD geführten.

 

Schröders Propagandathese Nr. 3: Für unsere Abhängigkeit von russischem Erdgas ist Merkel verantwortlich.

 

Richtig ist, dass die Bundesrepublik bei Schröders Abwahl im Jahr 2005 „nur zu 35 Prozent abhängig war. Schröder weiter: „Am Ende der Ära Merkel war unsere Abhängigkeit deutlich höher.

 

Dreister kann man richtige Zahlen nicht für falsche Schlüsse verwenden. Denn Schröder verschweigt, dass er noch kurz vor dem Ende seiner Kanzlerschaft Nord Stream 1 auf den Weg gebracht hat und sich von Putin dafür mit einem lukrativen Posten belohnen ließ. Dass Merkel seine Gas-Politik fortsetzte, steht auf einem anderen Blatt.

 

Schröders Propagandathese Nr. 4: Russlands „Einkreisungsängste“ hätten „leider auch ihre Berechtigung.

 

Soll heißen: Putin fühlt sich geradezu genötigt, gegen die Ukraine und damit gegen den Westen vorzugehen. Zumal dieser Westen sich zu einseitig auf Amerika stütze. Da kommt der Antiamerikanismus des in die Jahre gekommenen Ex-Juso Schröder durch.

 

Schröders Propagandathese Nr. 5: Putin will eine Verhandlungslösung.

 

Tatsache ist: Der Schröder-Freund hat die Ukraine ohne Grund überfallen, führt dort einen brutalen schmutzigen Krieg, lässt Zivilisten wie Soldaten foltern, vergewaltigen, ermorden, führt einen Gaskrieg und stürzt andere Länder in Hungersnöte. Natürlich möchte Putin eines Tages verhandeln: über die endgültige Abtretung der Krim und des Donbass – aber zu seinen Bedingungen.

 

Schröders Propagandathese Nr. 6: Beide Seiten müssen Zugeständnisse machen.

 

Gut gebrüllt, Löwe. Nur wie sollen die Zugeständnisse der russischen Seite aussehen? Die Krim wird Putin nach Schröders Meinung ohnehin nie aufgeben, und im Donbass haben seiner Meinung nach nur die Ukrainer gegen das Minsker Abkommen verstoßen. So einfach kann man es sich machen, wenn man es sich einfach machen will.

 

Fazit: Schröder scheint zu hoffen, eines Tages dank seiner guten Beziehungen zum Kriegsverbrecher Putin in die Rolle des Friedensstifters schlüpfen zu können: „Vielleicht kann ich noch mal nützlich sein. Das freilich setzte voraus, dass Putin in Schröder wirklich einen Freund sieht und nicht nur einen nützlichen Idioten. Ob Gerd wirklich auf die Freundschaft mit Wladimir baut? Wer einen solchen Mann seinen Freund nennt, kann einem nur noch leidtun.


Unser Gastautor

 

Dr. Hugo Müller-Vogg, ehemaliger F.A.Z.-Herausgeber, zählt zu den erfahrenen Beobachtern des Berliner Politikbetriebes. Als Publizist und Autor zahlreicher Bücher analysiert und kommentiert er Politik und Gesellschaft. www.hugo-mueller-vogg.de und www.facebook.com/mueller-vogg

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