Kirchenglocken und Hahnenschrei

Man kann als Städter nicht aufs „idyllische“ Land ziehen und sich gleichzeitig darüber beklagen, dass es dort typisch ländlich zugeht

Kuh mit Kuhglocke auf einer Alm. (Symbolbild: Pfüderi)
Kuh mit Kuhglocke auf einer Alm. (Symbolbild: Pfüderi)

 

Von Jürgen Wermser

 

Das Leben auf dem Land wird immer beliebter. Schöne Natur, Ruhe, weniger Hektik, Tradition und starker Zusammenhalt - viele Großstädter malen sich dabei ein Stück heile Welt. Hochglanz-Magazine befeuern diesen Trend und machen mit diesen Sehnsüchten gute Geschäfte. Das Problem ist: Wenn aus den Träumereien Wirklichkeit werden soll, kann die Enttäuschung umso größer werden. Denn das Bild, das da in den Köpfen einiger Zeitgenossen entstanden ist, mag nicht immer völlig falsch sein. Aber die ganze Wahrheit ist es bestimmt nicht.

 

Denn zum Leben auf dem Land gehören eben auch Handwerks-und Agrarbetriebe, Gotteshäuser, Gaststätten und verschiedenstes Gewerbe. Und viele davon haben gelegentlich die eine oder andere „Nebenwirkung“, wie sie in vergleichbaren Fällen auch andernorts anzutreffen ist: Geräusche, Gerüche oder vieles mehr, was besonders empfindliche Anwohner als Belastung empfinden könnten. „Klassiker“ auf dem Land sind hier Misthaufen, Kuhglocken oder auch der morgendliche Hahnenschrei.

 

Frankreich als Vorbild

 

Das bayerische Kabinett hat nun kürzlich beschlossen, eine Bundesratsinitiative zum besonderen Schutz solch identitätsstiftenden Erbes zu starten. Vorbild hierfür ist eine entsprechende Regelung in Frankreich. Gewiss, im Freistaat wird nächstes Jahr gewählt. Da versucht die Münchner Koalition nach Kräften, jeglichen Unmut in der Bevölkerung zu neutralisieren und mit publicityträchtigen Themen zu punkten - erst recht, wenn sie nichts kosten.

 

Vor allem die Freien Wähler haben sich deshalb für die betreffende Bundesratsinitiative stark gemacht. Die CSU musste naturgemäß mitziehen, um der bürgerlichen Konkurrenz nicht das Feld bei der vermeintlich notwendigen Bewahrung von Tradition und ländlicher Kultur zu überlassen. Dies mag opportunistisch wirken, ist aber politisch-taktisch verständlich, auch wenn die Erfolgsaussichten der Initiative nicht allzu groß sein dürften.

 

Richterliche Hörprobe auf der Weide

 

Das eigentlich Erstaunliche ist, dass der Anlass für diesen landespolitischen Vorstoß nicht völlig an den Haaren herbeigezogen ist. Immer wieder kommt es zu Konflikten und juristischen Auseinandersetzungen, weil es irgendwo auf dem Land mal stinkt oder laut wird. So berichtete die Süddeutsche Zeitung jüngst erneut von dem Kuhglockenstreit zwischen einer Bäuerin und einem Anwohnerpaar, der durch alle Instanzen ging. Der Senat des Oberlandesgerichts München sei zwecks Hörprobe sogar zur Weide gekommen - für die Richter vielleicht auch eine Gelegenheit, mal dienstlich den städtischen Amtsstuben zu entkommen. Der Ausflug sei ihnen gegönnt. Der Prozess endete übriges nach fünf (!) Jahren mit einem Vergleich: Die Kühe dürfen weiter bimmeln, nur nicht alle.

 

Gleichwohl bleibt die kritische Frage: Sollte in Deutschland tatsächlich für alles und jedes ein spezifisches Gesetz geschaffen, eine detaillierte Vorschrift erlassen oder ein ausdrückliches Klagerecht eingeräumt werden? Zweifel sind angebracht. Denn natürlich müssen Gesetze überall gleich gelten. Aber es macht schon einen Unterschied, ob der „Lärm“ seit Hunderten von Jahren von einer Kirchenglocke kommt oder durch eine schlecht gedämmte Werkshalle verursacht wird. Dies gilt erst recht, wenn die schöne Kirche und das traditionelle Dorfbild den positiven Gesamteindruck der Gegend prägen. Anders ausgedrückt: Man kann als Städter nicht aufs „idyllische“ Land ziehen und sich gleichzeitig darüber beklagen, dass es dort typisch ländlich zugeht.

 

Kein Disney-World

 

Doch augenscheinlich gibt es genügend solcher Fälle, dass sich Politiker und Richter zum Handeln veranlasst sehen. Dies ist ein Armutszeugnis für all jene, die den ländlichen Raum für eine Art Disney-World halten, die sich gefälligst den eigenen Wunschvorstellungen in Sachen Spaß und Komfort anzupassen hat. Diese Menschen können sich offenkundig nicht vorstellen, dass dort Bürger mit mehr Realitätssinn leben, die obendrein noch hart für ihr Geld arbeiten müssen.

 

Umso wichtiger ist es für alle Beteiligten, offen aufeinander zuzugehen und zusammen mehr Verständnis für die Besonderheiten und Herausforderungen des ländlichen Raums zu entwickeln. Es lohnt sich. Unser Blog https://www.natur-und-mensch-politblog.de befasst sich seit über einem Jahr genau mit dieser Thematik.

 


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