Wer soll das bezahlen?

Die Klimarettung kostet viel Geld, das erst erarbeitet werden muss

Altersarmut ist die vorherrschende Sorge der Jüngeren. (Symbolbild: Andrew Khoroshavin)
Altersarmut ist die vorherrschende Sorge der Jüngeren. (Symbolbild: Andrew Khoroshavin)

 

Von Michael Lehner

 

Grundeinkommen ohne Arbeit. Und viele Milliarden gegen den Klimawandel, gegen den Hunger in der Welt und für die Sanierung der kaputt gesparten Bundeswehr. Bleibt nur die Frage, wo das Geld herkommen soll. Zumal, wenn die Propheten einer schöneren neuen Welt zugleich das Ende der Industriegesellschaft propagieren. Angefangen mit einer „Entschleunigung“ des Arbeitslebens. Und das mitten im Arbeitskräftemangel quer durch die Branchen.

 

Irgendwie typisch ist da die aktuelle Aufregung um die Airport-Wartezeiten. Während die Flughafenbetreiber in der Türkei um Bodenpersonal werben, plagt die Ferienflieger-Kundschaft die Sorge, Urlaubstage zu verpassen. Und da wagt es der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel auch noch eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit zu fordern. „Wollen wir Menschen nicht lieber wieder mehr verdienen lassen, indem wir etwas länger arbeiten?“, fragt Gabriel. Ausgerechnet in der Bildzeitung.

 

Wer zum akuten Kulturkampf auf dem Laufenden sein will, muss Markus Lanz gucken. Bei ihm predigt der Talkshow-Philosoph Richard David Precht das leichte Leben jenseits von Maloche und Büro-Stress. Da erklärt der Förster Wohlleben, warum die Bäume besser im Wald verrotten, statt Bau- und Feuerholz zu liefern. Nette junge Frauen aus der Umwelt-Bewegung erläutern, warum wir künftig keine Autos brauchen und auch keine Schwerindustrie.

 

Wohlfahrtsstaat und Alltagssorgen

 

Wenn es um Militär und Waffenlieferungen geht, haben sogar Herr Lanz und Herr Precht ein Problem miteinander. Weil es wohl darüber zu streiten lohnt, ob die bessere Welt wirklich gut sein kann, wenn Moskau und Peking die Regeln festlegen. Könnte ja sein, dass es dann schnell vorüber ist mit den Träumen von der Drei-Tage-Arbeitswoche. Und dass niemand mehr die Menschen fragt, ob sie neben einem Kernkraftwerk leben wollen. Oder gar neben einem Windrad.

 

Aber was sind solche Alltagssorgen gegen die Angst, dass die optimierte Work-Life-Balance nur eine Verheißung bleibt, die wir uns schlicht nicht leisten können? Weil viel (Steuer-)Geld nötig ist, um auch den ärmsten Ländern dieser Erde eine Perspektive zu geben, die sich nicht auf die Wahl zwischen Flucht und Elend reduziert. Weil es einen Aufschrei wert wäre, wenn ausgerechnet Sozialdemokraten an der Entwicklungshilfe knausern wollen. Und weil der Bundesarbeitsminister schon Probleme hat, sein „Bürgergeld“ jenen Werktätigen zu vermitteln, die den Gürtel enger schnallen sollen. Und zugleich mehr Sozialleistung finanzieren. 

 

Es geht nicht nur um die Einsicht, dass Wohltaten ihre Grenzen haben. Sondern auch darum, dass Klimarettung viel Geld kostet, das erarbeitet werden muss. Nicht einmal die Wende zur Öko-Energie werden sich die Industrienationen leisten können, wenn sie die dazu nötige Technik ohne eine intakte Wirtschaft umsetzen wollen. Oder wenn sich die Weltverbesserer gar an die Hoffnung klammern, dass sich der Staatskapitalismus nach ihren Wünschen richtet. Obwohl er in Wahrheit dazu dient, dass wenige Günstlinge immensen Reichtum anhäufen.

 

Altersarmut als beherrschende Sorge der Jüngeren

 

Wenn die Meinungsforschung nicht irrt, gehört die Altersarmut zu den beherrschenden Sorgen der Jüngeren. Was die Zweifel am leistungsreduzierten Dasein verstärken sollte. Auch die Rentenkasse ist auf wachsende Arbeitseinkommen angewiesen. Wie das zustande kommen soll, ist schon vor dem Hintergrund des globalen Wettbewerbs mit Niedriglohn-Ländern schwer zu beantworten. Bisher sorgt da Spitzentechnologie für ein wenig Entspannung. Aber auch diese hat Europa exportiert, um „unverschämt billig“ auch in den Elektronik-Regalen vorzufinden.

 

Mehr Freizeit und steigende Lebensmittelpreise

 

Wie blauäugig die Visionen vom unbeschwerten Dasein in Wahrheit sind, zeigt der Blick auf die Landwirtschaft: Sie soll mit weniger Chemie und weniger Maschineneinsatz zu hohen Tierschutz-Standards produzieren. Und sie wird so logisch mehr Geld für ihre Produkte bekommen müssen. Dass solche Wende gut für Natur und Klima wäre, liegt wohl auf der Hand. Aber wie mehr Freizeit steigende Lebensmittelpreise finanzieren soll, bleibt ein Geheimnis. Zumal, wenn die Öko-Träume mit zunehmender Technik-Feindlichkeit einhergehen.

 

Noch gar nicht eingerechnet sind die Pendler, die aus Liebe zur Umwelt nicht mehr zur Arbeit fahren. Zumal, wenn´s mit dem Fahrrad zwei oder drei Stunden dauert, die dann wohl den Negativ-Posten der Work-Life-Balance zuzurechnen wären? Noch machen die allermeisten Politiker einen großen Bogen um derart unbequeme Fragen. Vermutlich weil Klartext zur Realitätsferne der Fahrrad-Fraktion bei den Getroffenen erfahrungsgemäß zu (digitalen) Wutausbrüchen führt.

 

Hilfreich ist da ein Blick auf die Reaktionen zur Realpolitik der Bundesminister(innen) von den Grünen. Ob diese nun eine Laufzeitverlängerung der verbliebenen Atomkraftwerke nicht mehr gänzlich ausschließen. Oder der SPD bei den Waffenlieferungen für die Ukraine auf die Sprünge helfen. Dass solcher Mut den Umfragewerten offenbar nicht schadet, sollte der Konkurrenz zu denken geben. Noch haben die Ideen aus Wolkenkuckucksheim keine Mehrheit.

 


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