Werben statt warten lassen

Wirtschaft und Politik bemühen sich verstärkt um ausländische Fachkräfte. Die Herausforderungen sind groß

„We`re hiring“ – Wir stellen ein. (Symbolbild: Gerd Altmann)
„We`re hiring“ – Wir stellen ein. (Symbolbild: Gerd Altmann)

 

Von Jürgen Wermser

 

Man fühlt sich in diesen Tagen des Öfteren an Michail Gorbatschows legendären Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ erinnert. Dies gilt für den strategischen Fehler, so lange einseitig auf billiges Gas aus Russland gesetzt zu haben. Oder auch für die dürftige Modernisierung des öffentlichen Gesundheitswesens, was in der Corona-Pandemie teilweise zu einem Daten-Blindflug der politischen Entscheidungsträger geführt hat. Regierungen aller Couleur hatten es sich über Jahrzehnte bequem gemacht, Reformen verschleppt und sich die möglichen Probleme schöngeredet. Die aktuelle Landung in der Wirklichkeit ist für alle Beteiligten umso schmerzhafter.

 

Ein ähnliches Schema von Verdrängung, Verharmlosung und daraus folgender gefährlicher Zuspitzung findet sich im Bereich Arbeitsmarkt, Migration und Fachkräfte. Überall suchen kleine Betriebe und große Unternehmen händeringend nach qualifiziertem Personal und auch nach Mitarbeitern für einfache Tätigkeiten. Gleichzeitig wächst die Zahl unbesetzter Ausbildungsstellen kontinuierlich. Dies ist für Deutschland kein Luxusproblem, sondern eine Gefahr für Wachstum und Wohlstand. So sehen laut aktueller DIHK-Konjunkturumfrage 56 Prozent der Unternehmen im Fachkräftemangel ein Geschäftsrisiko.

 

Babyboomer gehen in Rente

 

Gewiss, viele Probleme sind erst durch Pandemie und Ukrainekrieg in aller Schärfe sichtbar worden. So hat die hohe Zahl an Corona-Fällen zahlreiche Kliniken und Pflegeeinrichtungen an ihre Belastungsgrenze gebracht. Aber auch hier liegen die Gründe tiefer. Seit Jahren ist die Personalausstattung zu knapp, Fachkräfte fehlen allerorten. Und durch den bevorstehenden Renteneintritt der geburtenstarken Babyboomer-Generation ab 2025 wird die Lage noch heikler - eine seit langem bekannte Problematik, auf die aber genauso lange nicht angemessen reagiert wurde: durch Erhöhung der Erwerbstätigenquote und durch vermehrte Zuwanderung von Fachkräften.

 

Zu Recht haben jetzt die Bundesminister Faeser und Heil das bestehende Einwanderungssystem im Handelsblatt als „zu schleppend, zu bürokratisch, zu abweisend“ bezeichnet. Doch klagen und kritisieren reicht nicht, wenn man in der Regierungsverantwortung steht. Die Koalition muss liefern. Ihre jetzt bekannt gewordenen Vorschläge zielen in die richtige Richtung. So sollen beispielsweise Berufserfahrene unter bestimmten Bedingungen auch ohne Arbeitsvertrag zur Jobsuche nach Deutschland einreisen dürfen. Gleiches soll für Fachkräfte gelten, die einen Arbeitsvertrag, aber noch keinen hierzulande anerkannten Abschluss haben. Diesen könnten sie dann mit Hilfe des deutschen Arbeitgebers nachholen

 

DIHK beklagt zu viel Bürokratie

 

Solche Pläne werden von der Wirtschaft grundsätzlich begrüßt. Denn für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ist klar: „Ohne ausreichende Zuwanderung aus dem Ausland werden wir das Fachkräfteproblem nicht lösen können“. Aber es bleibt auch ein gehöriges Maß an Skepsis, ob dies am Ende tatsächlich reicht. So beklagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks leider wohl zu Recht: „Ein Nadelöhr, ein Hauptproblem des Gesetzes ist die Umsetzung". Die praktische Arbeit in den Behörden und die Komplexität der Regelungen überfordere Unternehmen, potenzielle Zuwanderer und oft offenbar auch die Behörden selbst. Hinzu kämen teilweise sehr lange Wartezeiten auf Visa-Termine.

 

So etwas spricht sich natürlich auch bei potenziellen Bewerbern rum. Um sie ist in vielen Mangelberufen längst ein internationaler Wettbewerb entbrannt. Kanada, Australien, USA etwa bieten gute Jobs und locken zusätzlich mit dem englischen Sprachvorteil. Für Deutschland, seine Politik und Verwaltung heißt es daher: Die eigenen Vorteile stärker herausstellen und bürokratische Hindernisse für eine Arbeitsaufnahme abbauen.

 

Koalition in der Pflicht

 

Ankündigungen und Gesetze, von denen Faeser und Heil jetzt sprechen, können daher bestenfalls ein Baustein sein. Noch wichtiger ist, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie von den Verwaltungen auch schnell genug praktisch umgesetzt werden. Konkret: Mehr Personal und stärkere Kundenorientierung, einfachere und transparentere Verfahrensabläufe. Werben statt warten lassen sollte die deutsche Devise bei ausländischen Fachkräften lauten. Hier steht die Ampelkoalition, voran Faeser und Heil, in der Pflicht.

 


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