Dorfschulen als Standortfaktor

Für junge Eltern sind die Bildungsmöglichkeiten ihrer Kinder ein wichtiges Argument für das Leben im ländlichen Raum

Klassenraum einer Grundschule. (Symbolbild: falco)
Klassenraum einer Grundschule. (Symbolbild: falco)

 

Von Jürgen Wermser

 

Unzeitgemäß, schlecht ausgestattet und zu wenig leistungsorientiert: Dorfschulen haben bei vielen Großstädtern einen schlechten Ruf. Je größer eine Bildungseinrichtung, desto besser, so ein tiefsitzendes Vorurteil. Dabei kann genau das Gegenteil richtig sein, zumindest für Kinder in einem frühen Alter. Denn die vielfach belächelte und geschmähte Dorfschule kann mit Vorzügen aufwarten, von denen so manche Eltern in sozial schwierigen Großstadtvierteln nur träumen können.

 

Allen voran eine zumeist enge Bindung zwischen Lehrkräften und den ihnen anvertrauten Kindern. Auch sind die Schulwege häufig kürzer und sicherer als in Großstädten, was insbesondere für Kinder im Grundschulalter wichtig ist. Und die Eltern sind ebenfalls räumlich und gefühlt nahe. Die Identifikation mit „unserer Schule“ fällt naturgemäß umso leichter, je übersichtlicher und verständlicher die Abläufe für Außenstehende sind.

 

Der Bildungserfolg kann sich ebenfalls sehen lassen - auch wenn er sich von dem in städtischen Regionen unterscheidet. So hatte eine Studie des Aktionsrats Bildung aus dem Jahr 2019 festgestellt, dass in den Städten die Abiturquote inzwischen bei 42 Prozent liegt, Tendenz steigend. In ländlichen Regionen sind es „nur" 28 Prozent. Ein wichtiger Grund für diese niedrigere Zahl ist laut der Forscher, dass auf dem Land das Handwerk bei der Berufswahl eine viel größere Rolle spielt als in den Städten. Dort orientieren sich die Berufswünsche stärker auf eine Ausbildung im Öffentlichen Dienst und auf ein Studium.

 

Chance für örtliche Betriebe

 

Dies unterstreicht die große wirtschaftliche Bedeutung einer guten Schulbildung von Kindern im ländlichen Raum. Die dort ansässigen Handwerksbetriebe, kleineren und mittleren Unternehmen bekommen so eine realistische Chance, qualifizierte Nachwuchskräfte in der näheren Umgebung zu finden. Dies ist allemal leichter, als von fernen Großstädten Bewerber anzuwerben. Eine Folge davon ist, dass sich vorausschauende Firmeninhaber für die Schulen vor Ort, deren Ausstattung und sonstigen Anliegen interessieren und bei Bedarf engagieren. Das kann bis hin zu ehrenamtlichen Arbeitsstunden inklusive Bereitstellung erforderlicher Gerätschaften führen. Denn klar ist, je besser der Unterricht und die Schulsituation, desto attraktiver wird der Ort für junge und qualifizierte Beschäftigte mit Familie.

 

Hinzu kommt laut Studie des Aktionsrats Bildung, dass ethnische und soziale Unterschiede in ländlichen Regionen zumeist keine so großen Herausforderungen darstellen wie in den Städten. Schülerspezifische Probleme wie Disziplin, Sicherheit und Fehlzeiten spielen hier eine entsprechend geringere Rolle. So waren Schülerinnen und Schüler an Grundschulen im ländlichen Raum laut Angaben ihrer Schulleitungen mit deutlich weniger Problemen in den Bereichen Disziplin und Sicherheit - z. B. Verspätungen der Lernenden oder Vandalismus - konfrontiert. Tendenziell wurde der Unterricht der Kinder an ländlichen Grundschulen anhand der Einschätzungen ihrer Lehrkräfte weniger durch desinteressierte Schülerinnen und Schüler oder Kinder, denen notwendiges Wissen oder notwendige Fähigkeiten fehlten, beeinträchtigt.

 

Unterschiede in Stadt und Land

 

Für jedes dritte Schulkind in einer Stadt ist Deutsch nicht die Muttersprache. In ländlichen Gebieten ist das nur bei jedem siebten Kind der Fall. In Städten wächst zudem jedes fünfte Kind mit nur einem Elternteil auf, in ländlichen Regionen ist es jedes Achte. Entsprechend ist auch der Anteil der Schüler mit sozialpädagogischem Sonderbedarf in den Städten doppelt so hoch wie auf dem Land.

 

Fazit: Dorfschulen sind gewiss keine „heile Welt“. Aber sie müssen den Vergleich mit den entsprechenden städtischen Einrichtungen keineswegs scheuen. Im Gegenteil: Sie haben häufig Vorzüge, die sie für junge Eltern sehr interessant machen: Kleinere Klassen, gute Betreuung, kurze Wege, naturnahe und enge Anbindung an die soziale Struktur des Ortes. Damit werden solche Schulen zu einem positiven Standortfaktor für Arbeitnehmer und Arbeitgeber - vorausgesetzt sie gehen einher mit einer zeitgemäßen Internetversorgung und Verkehrsanbindung.

 

Hier ist der Link zur Studie.

 


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