Mediziner auf Landpartie

Im Heidekreis lernen Nachwuchs-Ärzte die Arbeit in verschiedenen Landarztpraxen hautnah kennen

Medizinstudenten (Symbolbild: iStock/Wavebreakmedia)
Medizinstudenten (Symbolbild: iStock/Wavebreakmedia)

 

Von Jürgen Wermser

 

Wer studiert, lebt zumeist in der Großstadt. Dort sind die großen Unis, locken Kultur, Kneipen und viele sonstige Anregungen. Irgendwann ist das Studium aber zu Ende und die Jobsuche beginnt. Da liegt es für viele Absolventen nahe, erst einmal da zu suchen, wo sie gerade neue Wurzeln geschlagen haben: am Studienort oder einer vergleichbar großen Stadt. Entsprechend schlecht ist die Ausgangslage für Arbeitgeber aus dem ländlichen Raum, die qualifizierte - in diesem Fall studierte - Nachwuchskräfte suchen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Studierende die Arbeit in kleinen Städten oder das Leben auf dem Dorf nicht aus persönlicher Anschauung kennen. Sie wissen nicht, worauf sie sich einstellen müssten - und lassen es dann vielfach lieber gleich bleiben.

 

Für ländliche Regionen und ihre Arbeitgeber sollte dies kein Grund zur Resignation sein. Die Lösung heißt: Einladen, sich präsentieren, mitmachen lassen. So wie beispielsweise bei der „Landpartie Heidekreis“ in Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Hannover. 14-mal hat dieses Projekt von MHH und der Wirtschaftsförderung des Heidekreises seit 2018 bereits stattgefunden. Insgesamt rund 60 Studierende nahmen teil, zuletzt fünf Studentinnen im Rahmen eines Blockpraktikums Allgemeinmedizin.  Ziel des Ganzen aus Verwaltungssicht ist es, die angehenden Mediziner zu motivieren, sich später in einer der hiesigen Landgemeinden als Hausärztin oder Hausarzt niederzulassen.

 

Viele neue Erfahrungen

 

In der „Landpartie“ lernen die Nachwuchs-Mediziner die Arbeit in verschiedenen Landarztpraxen hautnah kennen. Auch die Besichtigung des regional orientierten Klinikums steht auf dem Programm. Dieses ist - wie viele andere ländliche Kliniken auch - ein akademisches Lehrkrankenhaus, wo Mediziner ihr Praktisches Jahr absolvieren können.  Zudem werden Studierende in Hausarztpraxen ausgebildet. Und bei den ländlichen Fachärzten können sie ihre teils über zweijährige Facharztausbildung für Allgemeinmedizin absolvieren.

 

Während der „Landpartie Heidekreis“ werden die Studierenden von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ehrenamtlich betreut. Diese stellen ihnen Unterkünfte zur Verfügung und binden sie in den eigenen Familienalltag mit ein. Obendrein organisiert der Heidekreis Freizeitaktivitäten und ein Wochenendprogramm. Auch werden Fördermöglichkeiten bei Praxisübernahmen vorgestellt.

 

Die Herkunft der Studierenden ist gemischt. Manche kommen aus Städten, andere aus dem ländlichen Raum. Doch die allermeisten haben ihre bisherige medizinische Ausbildung in großen Städten absolviert, etwa im Massenbetrieb einer Uni-Klinik oder in städtischen Arztpraxen. Umso positiver überrascht sind sie von den gezeigten Landarztpraxen mit dem persönlicheren Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Auch könnten sie hier eine andere Work-Life-Balance erleben. Denn auf dem Land könne der Arzt wegen der kurzen Wege die Mittagspause auch zu Hause bei der Familie verbringen oder zur Entspannung für eine kurze Erholung in der Natur nutzen. Das komme bei den Studierenden sehr gut an, heißt es aus der Verwaltung des Heidekreises.

 

Der Kontakt ist unkompliziert hergestellt: Die MHH als Kooperationspartner stellt die Angebote für die Studierenden ins Uni-Netz. Hinzu kommt Mund-Propaganda. Die Plätze sind dann schnell vergeben.

 

Der Aufwand lohnt sich

 

Lohnt sich dieser Aufwand für die Veranstalter? Kurzfristig vielleicht nicht, aber doch zumindest langfristig. Denn man hat sich bei einer wichtigen Zielgruppe überzeugend „ins Gespräch gebracht“ und wird bei späteren beruflichen Entscheidungen berücksichtigt werden oder wenigstens im Hinterkopf bleiben. Mehr kann wohl kaum erwartet werden.

 

Dieser Ansatz, die ärztliche Versorgung zu verbessern, könnte auch als Anregung für andere Branchen und Betriebe im ländlichen Raum dienen. Entscheidend ist, sich frühzeitig für angehende Fachkräfte zu öffnen, ihnen in einem frühen Ausbildungsstadium die vermeintlich „andere Welt“ jenseits der Metropolen zeigen, wo Lebensqualität und berufliche Perspektive gut in Einklang zu bringen sind.

 

Viele, vor allem größere Unternehmen bieten schon entsprechende Praktikums- und Kooperationsplätze. Bei den Kleineren können die Hürden im Einzelfall höher sein - sei es wegen fehlender externer Kontaktpartner oder mangels geeigneter Tätigkeiten im täglichen Arbeitsablauf. Gleichwohl: Sobald sich hier eine konkrete Chance für frühe Nachwuchssuche bietet, sollte sie genutzt werden. Denn der Mangel an Fachkräften ist schon jetzt eine der größten Herausforderungen auch im ländlichen Raum - Tendenz steigend.

 


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