Kalte Dusche und dicker Pulli

Steigende Energiekosten belasten immer stärker den Etat der Städte und Gemeinden. Am konsequenten Energiesparen führt kein Weg mehr vorbei

Heizen wird immer teurer. (Symbolbild: Gerd Altmann)
Heizen wird immer teurer. (Symbolbild: Gerd Altmann)

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

Beheizte Außenbecken im Freibad, muckelig warme Rathausstuben, um 3 Uhr morgens hell erleuchtete Rad- und Fußwege – die Zeit, in der Kommunen sich dies geleistet haben, geht dem Ende entgegen. Zwar lindern oft langfristige Lieferverträge für Strom, Gas und Öl hier und dort noch den Schmerz. Doch machen die Energiekosten inzwischen im Schnitt schon über zwei Prozent eines städtischen Haushalts aus. Klingt unspektakulär, doch redet man hier zum Beispiel in der Stadt Berlin über eine Summe von weit über 640 Millionen Euro nur für Strom, Gas, Öl und Treibstoff. Und das Ende der Entwicklung ist nicht absehbar.

 

Energie- und Ressourceneffizienz ist in Städten und Gemeinden freilich nicht erst seit Beginn des Ukraine-Kriegs ein Thema. Denn spätestens seitdem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck klipp und klar darauf hingewiesen hat, dass Energiesparen dazu beiträgt, eine Unabhängigkeit von russischem Gas und Öl zu erreichen, steht das Thema in Rats- und Kreistagssitzungen erneut auf der Agenda.

 

Bis Herbst nur noch kaltes Wasser

 

Erste Kommunen und Kreise haben bereits mutig reagiert und Zeichen gesetzt. Der Lahn-Dill-Kreis zum Beispiel hat alle Schulen und 300 Sportvereine in seinem Beritt darüber informiert, dass die Duschen in den Sporteinrichtungen bis zum Herbst nur noch kaltes Wasser spenden werden. Der Protest hielt sich in Grenzen. Wie im nordrhein-westfälischen Recklinghausen, wo nur eine Handvoll Eltern öffentlich demonstrierte, als dort die Stadt in einem Hallenbad die Wassertemperatur nach unten drehte. Angeblich hätten die Kinder „blaue Lippen“ und „kalte Hände“, empörten sich die Eltern.

 

Der Städte- und Gemeindebund sieht die Kommunen beim Energiesparen in vorderster Front. Die Kommunen, so Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg in einem Zeitungsinterview, seien mit die größten Immobilienbesitzer und betrieben viele energieintensive Anlagen.

 

Dazu gehören zweifellos die Schwimmbäder. Eine beheiztes Außenbecken benötigt laut Deutsche Gesellschaft für das Bäderwesen 2.000 kWh pro Quadratmeter Wasserfläche. Dieser Wert übersteigt den Verbrauch eines normal gedämmten Wohnhauses um das Hundertfache. Auch Großrutschen, Saunen und Warmbecken sind Strom- und Energiefresser. Die Gesellschaft empfiehlt den Badbetreibern, Temperaturen abzusenken und zum Beispiel auf Warmbadetage ganz zu verzichten.

 

Straßen zeitlich kürzer beleuchtet

 

Inzwischen beginnen Städte damit, bestimmte Wege zwischen 1 Uhr und 5 Uhr morgens nicht mehr zu beleuchten und Beschäftigte im Rathaus behutsam auf eine 18-Grad-Regelung im Herbst und Winter vorzubereiten. Die Bild-Zeitung titelte schon vor Wochen sehr plakativ: „Pulli statt Putin“.

 

Problematisch ist bei allen Überlegungen der Zustand vieler Anlagen in städtischen Immobilien. Weil es an moderner Mess- und Regelungstechnik oder Heizkörper-Sensoren fehlt, laufen mancherorts die Heizungen Tag und Nacht unter Volllast. Es sei denn, der Hausmeister legt immer wieder selbst Hand an.

 

Dass auf dem Feld der Ressourcen- und Energienutzung ein enormes Sparpotenzial schlummert, beweisen Initiativen aus vergangenen Jahren. So haben sich beispielsweise im Jahr 2019 acht Kommunen im Märkischen Kreis in NRW gemeinsam das Ziel gesetzt, mit abgestimmten Maßnahmen 15 Prozent der CO2-Belastung und des Gas- und Wasserverbrauchs zu senken. Drei Jahre wollte man sich dafür Zeit nehmen. Nach einem Jahr betrug die Reduzierung bereits 21 Prozent. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle verlängerte auch aufgrund der Fortschritte die Förderung des interkommunalen Projekts. 

 


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