Der 9-Euro-Vertrauensvorschuss

Bisher haben alle Erfahrungen mit besonders günstigen ÖPNV-Angeboten gezeigt, dass zuerst das Angebot stimmen muss. Der Preis ist zweitrangig
Eine Regionalbahn passiert einen beschrankten Bahnübergang. (Symbolbild: Erich Westendarp)
Eine Regionalbahn passiert einen beschrankten Bahnübergang. (Symbolbild: Erich Westendarp)

 

Von Wolfgang Molitor

 

Für Martin Burkert, den Vize-Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, steht schon jetzt fest: Das kommende Pfingstwochenende wird für das 9-Euro-Ticket der große Stresstest. Gut möglich, dass der Ansturm auf den Regionalverkehr ohne emotionales und organisatorisches Chaos abläuft. Sehr gut möglich aber auch, dass es zumindest punktuell mehr für Verdruss auf den Bahnsteigen sorgt als für ein Gefühl der großen bezahlbaren Reisefreiheit – nicht nur auf Verbindungen zu Freizeitzielen wie Sylt, die Ostseeküste, das bayerische Oberland oder den Chiemgau.

 

Denn vollere Züge, das heißt auch: überquellende Papierkörbe, Abfall unter den Sitzen, verdreckte Toiletten. Die Bahn verstärkt deshalb ihre Reinigungsteams und lässt auch unterwegs Müll einsammeln. Auch die Instandhaltung in den Werkstätten wird verstärkt. Zahlen hierzu nennt der Konzern nicht. Nur so viel: An Bahnhöfen sollen bundesweit 700 zusätzliche Sicherheits- und Servicekräfte für ein möglichst reibungsloses Ein- und Aussteigen sorgen - viermal so viele wie in einem normalen Sommer.

 

Das wird auch nötig sein. Rund sieben Millionen Tickets sind im Vorfeld abgesetzt worden. Das ist eine bemerkenswert große Zahl. Und ein Vertrauensvorschuss für den öffentlichen Personennahverkehr – mögen auch viele die neun Euro lässig als geringen Einsatz abschreiben, wenn ihre Erwartungen an Taktung und Zuverlässigkeit nicht erfüllt werden.

 

Tatsächlich ein Anreiz zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel?

 

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sieht den kommenden drei Monaten jedenfalls ohne große Erwartungen entgegen. Zurecht. Denn alle bisherigen Erfahrungen mit besonders günstigen ÖPNV-Angeboten haben gezeigt, dass zuerst das Angebot stimmen muss. Der Preis ist da zweitrangig. Ob die Tickets des gut gemeinten, aber nicht ganz schlüssigen Entlastungspakets der Ampel-Koalition tatsächlich ein Anreiz für die weitere Nutzung des ÖPNV sein werden, ist fraglich.

 

Denn es scheint, dass die meisten Betriebe, vorneweg die Deutsche Bahn, nicht so recht wissen, wie sie die niedrigen Preise dauerhaft in eine Charme- und Überzeugungsoffensive umwandeln sollen. Die Pünktlichkeit der Bahn ist (ja, auch wegen der vielen, viel zu lange aufgeschobenen Baustellen, aber eben nicht nur) unterirdisch und lag im letzten April unter deprimierenden 70 Prozent. Die Kapazität in den Regionalzügen und S-Bahnen ist noch immer nicht so kalkuliert, dass eine deutlich erhöhte Nachfrage abgefedert werden kann. Und die Fahrpläne bleiben in der Regel so wie sie sind – vor allem im ländlichen Pendler-Raum - also ungenügend und abschreckend.

 

Wie oft die Menschen mit dem Ticket fahren, wie weit, zu welchen Uhrzeiten - das ist alles ungewiss. Und wie viele Kunden kommen dazu? Jörg Sandvoß, der Chef der Bahn-Regionaltochter DB Regio, gibt offen zu: Man habe da keinen blassen Schimmer. Auch der Verband der Verkehrsunternehmen hält sich mit Prognosen zurück. Er rechnet mit 30 Millionen Ticket-Nutzern pro Monat, teilt er mit, das sei aber nur eine grobe Schätzung.

 

Dem 9-Euro-Ticket werden steigende Preise folgen

 

Sicher scheint nur eins: Nach dem Auslaufen des 9-Euro-Tickets werden die Preise im Nahverkehr steigen – weil Ausgleichszahlungen des Bundes etwa für höhere Spritpreise fehlen. „Wir werden mittelfristig die fehlenden Gelder auf die Fahrpreise umschlagen müssen oder das Angebot einschränken“, teilt der VDV vorauseilend mit. Die Ticketpreise werden also weiter steigen - nicht direkt zum 1. September, aber in den nächsten Preisrunden.

 

Ist das dann der ÖPNV-Aufbruch? Sieht in der Zukunft so die größere Attraktivität der Öffis aus? Gut möglich, dass dann mit dem Hintern wieder all das umgerissen wird, was mit den Händen und viel Steuergeld aufgebaut wurde.

 

Es bleibt die offene Frage, wie weit die 9-Euro-Aktion für den spärlich mit öffentlichen Bus- und Bahnverbindungen ausgestatteten ländlichen Raum greifen wird. Wo wenig oder niemand den Nahverkehr nutzen kann, wird dieses Angebot einfach nicht wirken können. Zur politischen Aufgabe für Kommunen, Länder und den Bund bleibt die Mammut-Aufgabe, für Schienen und mehr Busverbindungen zu sorgen. Im Gegensatz zu einem befristeten Angebot, wie wir es jetzt erleben, gehört die mittel- und langfristige Perspektive dauerhaft auf die Agenda.

 


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