Bayern fehlt die „grüne“ Energie

Der Verzicht auf Wind- und Solarstrom wird zum Standortnachteil für den Freistaat
Erneuerbare Energien: Wind- und Solarstrom (Symbolbild: seagul)
Erneuerbare Energien: Wind- und Solarstrom (Symbolbild: seagul)

 

Von Michael Lehner

 

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang galt Bayerns „schwarze“ Regierungsmehrheit als Standortvorteil für Industrieansiedlung. Heute zählen für Schwerindustrie und Hightech-Branchen plötzlich „grüne“ Faktoren wie die Öko-Energie. Und damit hat der Freistaat ein Problem.

 

Detlef Fischer, Geschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft, bringt es auf den wunden Punkt: „Das war zu Zeiten von Franz Josef Strauß unvorstellbar, dass Bayern sich nicht selbst mit Strom versorgen kann.“ Mittlerweile drohe Knappheit: „Wir hören jetzt schon, dass sich Industrieunternehmen deshalb nicht mehr in Bayern ansiedeln.“

 

Zur Zeit des Atomministers Strauß entstand im bayerischen Gundremmingen das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Republik. In seinen letzten Jahren setzte der CSU-Übervater den Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz durch. Sie ging nie in Betrieb, nachdem der Alte überraschend starb. Und seine politischen Erben hören Hinweise auf die Ära Strauß nur äußerst ungern.

 

Dabei ist Bayerns Metamorphose vom Agrar- zum Industrie-Staat eng mit Standortpolitik verbunden: Vom Siegeszug der einst maroden Autoindustrie bis zur Luft- und Raumfahrt. Großkonzerne fühlten sich gut aufgehoben unter dem weißblauen Rautenbanner. Und mit einem Regierungschef, der gegebenenfalls sogar seine Trinkfestigkeit einsetzte, um Industrie-Bosse ins Land zu holen.

 

Staatsregierung tut sich mit Änderungen schwer

 

Heute gehen die Uhren anders, auch in Bayern. Die Schwerindustrie soll ihren Kohlendioxid-Ausstoß bis 2030 um 37 Prozent reduzieren. Die Branche buhlt um „grünen“ Strom und C02-Zertifikate (an denen Tesla mehr Geld verdient als am Verkauf der Elektro-Autos). Aber die Münchner Staatsregierung tut sich unfassbar schwer, vom restriktiven Windkraft-Kurs des ehemaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer abzurücken.

 

Fast eine Ironie des Schicksals, dass Seehofer-Nachfolger Markus Söder laut die politisch heikle Frage nach einer Laufzeitverlängerung der Atommeiler stellt. Was gleich nach der Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima den CSU-Bundeswirtschaftsminister Michel Glos ums Amt brachte. Während Söder heute lauter als andere Länderchefs vor einem Verzicht auf Russen-Gas warnt.

 

In den Meinungsumfragen weit entfernt von der einst selbstverständlichen Alleinregierungsmehrheit erlebt die CSU, dass sogar gutbürgerliche Blätter wie der „Focus“ umfänglich über den bayerischen Standortnachteil berichten, der mit dem Mangel an Öko-Energie verbunden ist. Gerade im Hightech-Sektor, der mal als Markenzeichen des Freistaats galt.

 

Intel baut seine 17 Milliarden Euro teure Computerchip-Fabrik nicht in Bayern, sondern in Magdeburg. Northvolt seine „Gigafactory“ für Elektroauto-Akkus im schleswig-holsteinischen Heide und nicht im Autoland Bayern, das mit mehreren Standorten für 3.000 Akku-Arbeitsplätze ins Rennen ging.

 

Windräder im Staatsforst

 

Bei so viel Leidensdruck hat die Staatsregierung jüngst beschlossen, mehr Windräder im Staatsforst zuzulassen, um dem organisierten Widerstand in besiedelten Landesteilen zu entgehen. Zudem sollen mehr kleine Wasserkraftwerke genehmigt werden. Manche so klein, dass der Stromertrag kaum für ein Dutzend Elektroautos ausreicht – und in keinem Verhältnis zu den ökologischen Schäden an den wenigen noch intakten Fließgewässern steht.

 

Der Umstand, dass Wind- und Solarparks gerade dem ländlichen Raum Wertschöpfung bringen, wenn Bürger und Gemeinden über Energiegenossenschaften am Profit teilhaben, taucht mittlerweile sogar in bayerischen Regierungspapieren auf. Womöglich ein Weg, den im Alpenvorland besonders ausgeprägten Bürger-Widerstand zu mildern

 

Derweil beteiligen sich große bayerische Stromversorger erst mal an Windparks im fernen Lappland und auf hoher See. Ausweichlösungen, durch die Bayern jede Menge Wertschöpfung im eigenen Land entgeht. Und auch bei den aktuellen Plänen, die Wasserstoff-Technologie in Bayern groß herauszubringen, fehlen weitgehend Antworten auf die Frage, wo der Öko-Strom herkommen soll, der den Wasserstoff erst zur „grünen“ Energie macht.

 

Am Rande: Premium-Autobauer Audi fährt seine Experimente mit klimaneutralen Synthese-Kraftstoffen nicht im heimischen Bayern, sondern im Emsland und im schweizerischen Kanton Aargau. Und Konkurrent BMW betreibt zwar in München ein „Kompetenzzentrum Batteriezelle“. Aber von den Plänen, Akkus in Bayern zu produzieren, ist der Konzern abgerückt und kauft die Batterien lieber zu. Künftig auch von Northvolt in Magdeburg und in Skellefteå am schwedischen Polarkreis.

 


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