Häusliche Pflege braucht Unterstützung

„Alleingelassen und in Bürokratie erstickt“ – so beurteilt der VdK auf Basis aktueller Studienergebnisse die Lage in der Nächstenpflege 

Eine junge Frau sitzt neben einer älteren Frau, die im Rollstuhl sitzt (Symbolbild: iStock/AlexRaths)
Eine junge Frau sitzt neben einer älteren Frau, die im Rollstuhl sitzt (Symbolbild: iStock/AlexRaths)

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

In der häuslichen Pflege geht ein Drittel der Pflegenden im übertragenen Sinne selbst am Stock. Die Angehörigen und Freunde sind durch verschiedenste Umstände so stark belastet, dass sie die Pflege nur noch unter Schwierigkeiten oder gar nicht mehr leisten können.

 

Ans Licht gebracht hat dies eine Untersuchung, die von der Hochschule Osnabrück im Auftrag des Sozialverbandes VdK durchgeführt wurde. 56.000 Menschen wurden online befragt. Darüber hinaus führte das Team um Prof. Dr. Andreas Büscher zahlreiche Interviews durch.

 

Ein Drittel an der Belastungsgrenze – ein alarmierender Wert. Was passiert, wenn diese Pflegenden eines Tages ausfallen? Über eine Million Pflegebedürftige wären zusätzlich auf ambulante oder stationäre Unterstützung angewiesen. Das ohnehin stark belastete System würde vermutlich kollabieren.

 

„Alleingelassen und in Bürokratie erstickt“ – so beurteilt der VdK auf Basis der aktuellen Studienergebnisse die Lage in der Nächstenpflege. Dabei, so der Sozialverband, sei es der Wunsch fast aller Menschen, zuhause alt zu werden und nicht die letzte Phase des Lebens in einem Pflegeheim zu verbringen. Schon deshalb müsse auf politischer Seite mehr als bisher für die häusliche Pflege getan werden.

 

Pflege als Familienangelegenheit

 

Diese findet überwiegend auf dem Dorf statt. 42 Prozent der Pflegenden wohnen in einem Ort mit weniger als 5.000 Einwohnern. Auf dem Land ist die Bereitschaft, einen Angehörigen zu pflegen, mit 62 Prozent am stärksten ausgeprägt. Das kommt nicht von ungefähr: Pflege ist dort seit Generationen eine Familienangelegenheit – wie selbstverständlich kümmern sich Angehörige (überwiegend die Frauen) um Großeltern, Eltern oder Ehepartner, die im Alltag allein nicht mehr klarkommen. Erst wenn es zuhause gar nicht mehr geht, sucht man nach einem Platz im Pflegeheim oder fordert ambulante Unterstützung an.

 

Doch damit beginnen im ländlichen Raum die großen Probleme. Das Netz der Angebote und Pflegeplätze ist dünn, vielfach fehlt es an Kapazitäten. Diese Situation sorgt dafür, dass laut Studie bundesweit über 60 Prozent der pflegenden Angehörigen keinen Pflegedienst nutzen – von einer Verhinderungs-, Kurzzeit- oder Tagespflege ganz zu schweigen. Aus Sicht des VdK trägt die bürokratische Welt der Pflegeversicherungsgesetze mit dazu bei, dass Versicherte die möglichen Leistungen bei der Pflege nicht in Anspruch nehmen. Oft schrecken auch erforderliche Zuzahlungen ab. Wer den Obolus nicht aufbringen kann, verzichtet trotz eines Anspruchs auf die Unterstützung.

 

Gerecht ist dies nicht, denn man weiß aus der Praxis, dass die Pflegenden selbst meist älter sind und über keine üppigen Einkommen verfügen. Die Untersuchung hat ergeben, dass in erster Linie Jüngere die verschiedenen Entlastungsangebote nutzen. Ältere ziehen eine Haushaltshilfe vor, denn sie haben dann mehr Zeit, sich selbst um den Pflegebedürftigen zu kümmern.

 

Abruf von Leistungen zu kompliziert

 

Nach Berechnungen des VdK wird auf Leistungsansprüche in Milliardenhöhe verzichtet. VdK-Präsidentin Verena Bentele ging kürzlich in einem Interview auf die Barrikaden: „Die Voraussetzungen, die pflegende Angehörige erbringen müssen, um Leistungen abzurufen, sind teilweise absurd und unangebracht.“ Die häusliche Pflege sei schon zu lange das Stiefkind der Politik. Der Sozialverband beklagt, dass man ohne eine separate Pflegeberatung kaum in der Lage ist, die verschiedenen Leistungen zu nutzen.

 

Der VdK fordert deshalb die Politik auf, die Kurzzeit-, Verhinderungs- und Tagespflege sowie den Entlastungsbeitrag zu einem unkompliziert abrufbaren Nächstenpflege-Budget zusammenzufassen. Die Pflege-Haushalte und Familien wüssten am besten, welche Leistungen sie benötigen. Sie sollten deshalb über die Verwendung selbst bestimmen können und dabei auch Helfende einsetzen dürfen, die nicht in der Pflege ausgebildet sind.

 

Eine lebensnahe und gute Idee, denn dadurch würde die millionenfach geleistete häusliche Pflege vereinfacht und gestärkt. Voraussetzung: Die Politik ist bereit, den Topf für dieses Budget ausreichend zu füllen. Zum Nulltarif geht in der Pflege nichts.

 


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