Getreide oder Blühwiesen?

Russlands Überfall auf die Ukraine provoziert Hungersnot – und die Frage, wie viel „Öko“ sich Europa jetzt noch leisten darf
Ein Weizenfeld (Symbolbild: Bru-nO)
Ein Weizenfeld (Symbolbild: Bru-nO)

 

Von Michael Lehner

 

Der weltweite Mangel an Getreide droht die schlimmsten Erwartungen zu übertreffen. Während russische Schergen mittlerweile sogar die Vorratsspeicher der Ukraine plündern, streitet die Politik in Brüssel und Berlin noch immer um die Forderung, Naturschutz-Vorrangflächen vorübergehend für den Lebensmittel-Anbau freizugeben. Deutschland werde so „seiner humanitären Verantwortung nicht gerecht“ klagt Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

 

Nahezu täglich mehren sich die Zeichen, dass die Kreml-Führung den Getreidemangel als Waffe einsetzt. Nicht nur, weil der Krieg den Anbau in der Kornkammer Ukraine massiv behindert. Sondern auch, weil Russland offenbar Transportwege blockiert und im großen Stil Weizen und Mais außer Landes schafft. Wohl auch als zusätzliche Einnahmequelle für die Kriegskasse: Seit Februar ist der Weizenpreis auf den Weltmärkten um über 40 Prozent gestiegen.

 

Hunger als Waffe

 

Wladimir Putin, der gern den Geschichtsbewussten gibt, weiß um die Macht der Waffe Hunger. Was Moskau aber bis heute seinen Bürgern verschweigt: Noch im vergangenen Jahrhundert erlebte Russland unter Stalin selber die schlimmsten Hungersnöte. Mindestens acht Millionen Menschen starben zu Beginn der 1930er Jahre im roten Zarenreich. Davon 3,5 Millionen in der annektierten Ukraine. Dort erinnern heute Denkmale an den „Holodomor“, den Völkermord durch Sowjet-Schergen, die gnadenlos ukrainische Lebensmittel plünderten.

 

Damals sammelten Hilfsorganisationen weltweit für die Hungernden in den Kornkammern Europas, während Moskau noch Getreide exportierte. Das düstere Kapitel kommt in russischen Geschichtsbüchern nicht mehr vor. Und Gegenwehr ist auch heute äußerst schwierig: Angesichts drohender Hungersnot, vor allem in Afrika, scheidet ein Embargo für russisches Getreide als Mittel der Gegenwehr aus.

 

Die Welt ist hier Putin ausgeliefert, weil massenhaft Menschenleben in Gefahr sind. Da ist es naheliegend, sämtliche Reserven für zusätzlichen Anbau zu nützen. So sieht es auch die Europäische Union und hat die vorübergehende Nutzung sogenannter Naturschutz-Vorrangflächen freigegeben. Und so schien es auch der deutsche Landwirtschaftsminister Cem Özdemir zu sehen: Gleich nach Kriegsbeginn kündigte er Ausnahmen vom Nutzungsverbot an.

 

Politischer Burgfrieden bröckelt

 

Herausgekommen ist dabei ein Kompromiss: Die Öko-Vorrangflächen werden für den (Grün)futter-Anbau freigegeben, aber nicht zur Lebensmittelproduktion. Selbst Mecklenburg-Vorpommerns SPD-Landwirtschaftsminister Till Backhaus opponierte vergeblich. Am Ende gaben auch die (Unions-)Länder zähneknirschend klein bei. Aber der Burgfrieden hält offenbar nicht lange. Nicht nur Bayern drängt auf Korrektur, auch von den Agrar-Verbänden wird der Widerspruch immer lauter.

 

Die bayerische Landwirtschaftsministerin erinnert unter dem Eindruck der aktuellen Hiobsbotschaften an die humanitäre Dimension: „Wir in Deutschland hätten wie andere EU-Mitgliedsstaaten unseren Beitrag leisten können, indem wir auf unseren Ökologischen Vorrangflächen für ein Jahr lang Nahrungsmittel produzieren. Wir könnten dadurch drei Millionen Menschen ein Jahr lang ernähren.“

 

Lagerhäuser von Russen geplündert

 

Das staatliche Thünen-Institut schätzt die mögliche Getreideproduktion auf den deutschen Öko-Flächen mit 600.000 Tonnen als eher bescheiden ein. Zum Vergleich: 400.000 Tonnen haben die russischen Plünderer nach Angaben aus Kiew in den letzten Tagen aus ukrainischen Lagerhäusern gestohlen. Im Kriegsmonat März hat die Ukraine knapp 200.000 Tonnen exportiert, in Friedenszeiten waren es im gleichen Monat an die 5 Millionen Tonnen.

 

Und Moskau hat mit dem Druckmittel Hunger wohl noch mehr vor: Der Nachrichtensender CNN vermeldete kürzlich einen Mega-Diebstahl bei einem großen ukrainischen Landmaschinen-Händler. Angeblich erbeuteten die Besatzer Mähdrescher und Traktoren im Wert von 5 Millionen Dollar. Was die Freibeuter nicht ahnten: Die Hightech-Maschinen aus den USA sind per Mobilfunk mit dem Hersteller verbunden. So konnten die Amerikaner das Gerät in Russland schnell aufspüren und die Wegfahrsperren aktivieren. Das hat die Internet-Gemeinde erst mal mehr beschäftigt als drohende Hungersnöte. 

 


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