Jugend im Dauerkrisen-Modus

Zum vierten Mal gibt die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ einen Einblick in die Gefühlslage junger Menschen

Mädchen am Meer (Symbolbild: Engin Akyurt)
Mädchen am Meer (Symbolbild: Engin Akyurt)

 

Von Wolfgang Molitor

 

Über zwei Jahre Pandemie und der Klimawandel – besonders an jungen Menschen geht die von mehreren globalen Krisen geprägte Zeit nicht spurlos vorbei. Die größte Sorge aber ist für sie der Angriff Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar. Das ist so überraschend nicht: Mehr als eine Generation ist in dem Glauben, dem Vertrauen und der Sorglosigkeit aufgewachsen, dass es in Europa keinen Krieg mehr geben wird. Offene Grenzen, grenzenlose Information, verlockender Wohlstand, die Lust an fremden Kulturen und problemlose Mobilität: Alles das und mehr prägen das Weltbild der 14- bis 29-Jährigen bis zur Selbstverständlichkeit. Eine Generation, die nichts anderes kennt als Frieden: Will man ihnen daraus einen Vorwurf machen?

 

Zum vierten Mal gibt die repräsentative Trendstudie „Jugend in Deutschland“ von Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann einen Einblick in die Gefühlslage junger Menschen in Deutschland. 

 

Die Last wächst

 

Demnach bedeutet die neue ungewohnte Kriegsangst nicht, dass andere Ängste abnehmen. Die Bedenken wegen des Klimawandels, der ausufernden Inflation und der spürbaren Spaltung der Gesellschaft durch Corona prägt das Lebensgefühl. So ist das in diesen schwierigen und herausfordernden Zeiten – und natürlich nicht nur für junge Leute. Die Krisen überlagern sich, die Last wächst.

 

Diese Überlagerung strapaziert laut der Studie zunehmend auch die psychische Gesundheit der Jugend. Fast die Hälfte (45 Prozent) gab an, Stress zu erleben. Auf der Liste der häufigsten seelischen Belastungen folgen Antriebslosigkeit (35 Prozent), Erschöpfung und Langeweile (je 32 Prozent) sowie Depression und Niedergeschlagenheit (27 Prozent). 13 Prozent erleben Hilflosigkeit, 7 Prozent sogar Suizidgedanken.

 

Das Thema Krieg in Europa, das 68 Prozent Sorge bereitet, ist sprunghaft an die erste Stelle getreten. 46 Prozent haben große Angst, dass der Krieg in der Ukraine sich auf ganz Europa ausweiten könnte. Die bisher dominierende Angst vor dem Klimawandel (55 Prozent) folgt an zweiter Stelle. Auch die Sorgen vor einer Inflation (46 Prozent), einer sozialen Spaltung der Gesellschaft (40 Prozent) und einer Wirtschaftskrise (39 Prozent) bleiben präsent.

 

Sorgen bis hin ins Private

 

Doch die Sorgen gehen auch ins sehr Private. Der Verlust einer offenen, ja schrankenlosen Gesellschaft mit starken Einschränkungen macht viele krank. Sie beklagen den Kontrollverlust bei der Gestaltung des Alltags, bei persönlichen Beziehungen und bei ihrer Bildungs- und Berufslaufbahn – auch wenn Hurrelmann darauf hinweist, dass der Großteil der jungen Generation weiter nicht leichtfertig mit der Pandemie umgeht. Ganz neu sind die Sorgen nicht. Bereits seit Jahren sehen die Forscher die Jugend im „Dauerkrisen-Modus“. In einem ungewohnten, bedrohlich wirkenden Umfeld. Ältere dagegen reagieren gelassener. Schließlich haben sie bereits die Wirtschaftskrise von 2008, den großen Unfall des Atomkraftwerks Fukushima 2011 und die Flüchtlingskrise 2015 als prägend erlebt.

 

Auch vorsichtiger Optimismus

 

Eine andere Studie stützt Hurrelmanns Ergebnisse. So ging jüngst aus einer im September 2021, also lange vor dem Krieg in der Ukraine, durchgeführten Befragung von Infratest dimap hervor, dass junge Menschen zumeist pessimistisch in die Zukunft schauen. Alles also grau in grau? Nicht ganz. Denn auch das gehört zur neuen „Jugend in Deutschland“-Studie. Ein vorsichtiger Optimismus. Den Autoren zufolge ist nämlich die Grundstimmung in der jungen Generation trotz aller inneren Unruhe und Verunsicherung erstaunlich positiv.

 

Wer in Schulen, Vereine, Cliquen schaut, in Freiwilligendienste und sozial engagierte Gruppen in Städten wie im ländlichen Raum: Die meisten trauen es sich zu, trotz widriger Umstände das eigene Leben in den Griff zu bekommen. Aber sie halten mit klarem Blick auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands große Konflikte für möglich. Hurrelmann nennt das eine „jugendtypische, robuste, optimistische Grundhaltung“. Man könnte sich damit beruhigen, wenn er nicht sorgenvoll und einschränkend eine Feststellung nachschieben würde: „Darunter bröckelt es.“

 


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