Jedes dritte Schiff ist ein Tanker

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wird es teilweise eng auf dem rund 100 Kilometer langen Nord-Ostsee-Kanal

Schiffsverkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal (Symbolbild: Frauke Feind)
Schiffsverkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal (Symbolbild: Frauke Feind)

 

Von Jürgen Muhl

 

Rund gut 100 Schiffe am Tag und in der Nacht passierten in den letzten Jahren den Nord-Ostsee-Kanal. Bis zum Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Bis der Energiemarkt ins Trudeln geriet. Bis Öl und Gas zum beherrschenden Thema wurden. Die Kanalpassagen haben seit Anfang März derart zugenommen, dass es teilweise eng auf der rund 100 Kilometer langen Wasserstraße zwischen Kiel und Brunsbüttel wird.

 

In der Regel sind es zwischen 130 und 140 Schiffe, die auf der weltweit meist befahrenen Seewasserstraße in 24 Stunden unterwegs sind. Was zur Folge hat, dass Containerfrachter und Tankschiffe in engen Stellen die Weichen anlaufen und warten müssen, bis der Gegenverkehr eine Passage zulässt. Noch nie zuvor sind so viele Gas- und Öltanker im Kanal gesichtet worden wie in diesen Wochen. Von Ost nach West, aber auch von West nach Ost.

 

Es gibt in Europas Flotte kaum noch freie Tankschiffe. Die Frachtpreise steigen im Tagesrhythmus. Über Jahre eingemottete Tanker wurden wieder flottgemacht. Bei jedem dritten Frachtschiff, das im Kanal unterwegs ist, handelt es sich um einen Gas- oder Öltanker. Hochbetrieb also auch bei der Lotsenbrüderschaft. Auf jedem Schiff gibt ein Lotse den Ton an. Weil der Nord-Ostsee-Kanal seine Tücken hat.

 

Plätze für Wohnmobile ausgebucht

 

Der mitten durch das Land und an zahlreiche ländliche Gemeinden führende Kanal avanciert indes immer mehr zu einer Touristenattraktion im nördlichsten Bundesland. Sämtliche Wohnmobilplätze auf beiden Seiten der Wasserverbindung sind schon jetzt im Frühjahr ausgebucht. Es mögen derzeit rund 2.000 Wohnmobil-Touristen sein, die - gepackt von der „Attraktion Schiffe“ - einen Platz am Kanalufer ergattert haben. Schleswig-Holstein profitiert von einem neuen Urlaubsgefühl. Schiffe sehen. Schiffe aus aller Welt.

 

Ein großer Teil der Tankschiffe versorgt die baltischen Staaten, Schweden und Finnland von Rotterdam aus. Zurück geht es zumeist leer, denn die Westschiffe laufen ja keine russischen Häfen mehr an. Wie auch keine russischen Schiffe den Kanal mehr passieren dürfen. Erst vor wenigen Tagen wurde ein russischer Gastanker vor der Schleuse in Kiel abgewiesen - es ging zurück in Richtung Ostsee.

 

Der norddeutsche Raum profitiert

 

Auch der norddeutsche Raum profitiert von den Importen ab Rotterdam, Wilhelmshaven und Brunsbüttel. Von hier aus wird die 42 Kilometer entfernte Raffinerie in Hemmingstedt bei Heide über eine Pipeline mit Rohöl versorgt. Bereits im ersten Quartal stieg die Zahl der Schiffspassagen um gut zwei Prozent auf fast 7.000 Schiffe, nach 6.676 in den ersten drei Monaten 2021, wie eine Sprecherin der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt sagte. Zuwächse gab es auch bei der Ladung. Schiffe beförderten im Zeitraum Januar bis März 22,9 Millionen Tonnen Ladung über die künstliche Wasserstraße. Das waren rund 1,72 Millionen Tonnen oder 8,1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Bereits im vergangenen Jahr war die Schifffahrt auf dem Kanal nach dem Einbruch im ersten Corona-Jahr wieder besser in Fahrt gekommen.

 

Insgesamt wurden 2021 laut Kanalverwaltung 85,2 Millionen Tonnen Güter transportiert und damit 15,4 Prozent mehr als 2020. 27.293 Schiffe befuhren den Kanal, 8,1 Prozent mehr als 2020. In diesem Jahr werden die Zahlen nach heutigen Prognosen um ein Drittel steigen.

 


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