Niedersachsens Krankenhäuser setzen Notruf ab

Noch verfügt das Land über rund 170 Kliniken, doch drei Viertel davon sind zumindest auf Dauer in ihrer Existenz gefährdet

Station in einem Krankenhaus (Symbolbild: vitalworks)
Station in einem Krankenhaus (Symbolbild: vitalworks)

 

Von Christian Urlage

 

Die Kliniken stecken in einer tiefen Krise, nicht allein im Flächenland Niedersachsen. Daher schlägt die Krankenhausgesellschaft des Landes Alarm: Langfristig, so warnt sie, lässt sich nicht mehr garantieren, dass jeder Mensch innerhalb von 30 Minuten ein Krankenhaus erreichen kann. Weil weitere Schließungen drohen, besteht die Sorge vor weißen Flecken im ländlichen Raum.

 

Gleich ein ganzes Bündel von Gründen ist für diese Krise der Krankenhäuser verantwortlich: zu viel Bürokratie bei der Abrechnung, ein Sanierungsstau, eine ungenügende Finanzierung durch das Land, zu wenig qualifiziertes Personal und dazu noch aktuell die Belastungen durch Corona. Und so setzt sich ein Trend fort, der seit langem anhält: In Deutschland geht die Zahl der Kliniken mehr und mehr zurück. Gab es 1991 noch rund 2.400 Krankenhäuser, waren es 2019 nur noch 1.914, Tendenz weiter fallend.

 

Auch die Zahl der Betten ist weniger geworden, doch gleichzeitig werden mehr Patienten behandelt, was nur gelingt, weil sie immer früher entlassen werden. Die Verweildauer lag 1992 bei durchschnittlich 13,3 Tagen, jetzt ist sie auf 7,2 Tage gesunken. Mit der Folge, dass sich Pflegende, Ärzte und Verwaltungsangestellte ausgequetscht wie Zitronen fühlen und kürzlich wieder die Krankenhausärzte, im Gesundheitswesen eine der mächtigsten Lobbygruppen im ständigen Verteilungskampf, streikten und auf die Straße gingen.

 

Corona hat die Sache noch verschärft, denn wenn Personal ausfällt, können bestimmte Operationen nicht vorgenommen werden, was wiederum zu weniger Einnahmen führt und die Liquidität bedroht. Bundesweit, so heißt es, können drei Viertel aller Kliniken nicht mehr ihr normales Leistungsangebot anbieten.

 

Krankenkassen wollen die Schließung

 

Wenn sich die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft nun dafür ausspricht, die flächendeckende Versorgung aufrechtzuerhalten, klingt das erst einmal selbstverständlich. Aber das ist es nicht mehr. Noch verfügt Niedersachsen landesweit über rund 170 Krankenhäuser, doch drei Viertel davon sind zumindest auf Dauer in ihrer Existenz gefährdet, glaubt man der Krankenhausgesellschaft. Es macht ihr zu schaffen, dass die Krankenkassen die Schließung von Kliniken fordern und die Selbstverwaltung im Gemeinsamen Bundesausschuss, kurz GBA, sehr hohe Qualitätsvorgaben aufstellt.

 

Gefährdet sind Kliniken in dünn besiedelten Regionen

 

Gefährdet sind insbesondere Krankenhäuser in dünn besiedelten Regionen, denn auch sie müssen an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr ihre Leistungen vorhalten. Wohnortnahe Grundversorgung heißt das im Fachjargon der Gesundheitspolitiker. Aber die Erlöse aus den Fallpauschalen reichen für die Finanzierung gerade dieser Krankenhäuser nicht aus. Sie brauchen daher andere Rahmenbedingungen als eine Fachklinik in der Großstadt, die wirtschaftlich ganz anders planen kann.

 

Und diese Krankenhäuser nehmen inzwischen gerade in ländlichen Gebieten eine andere Rolle ein. Dort stoßen die niedergelassenen Ärzte an ihre Grenzen, mit der Folge, dass die Kliniken in der ambulanten Versorgung einspringen. Wenn ihnen erlaubt würde, noch mehr ambulante Behandlungen zu leisten, wäre das von Vorteil. Um weiter bestehen zu können, müssen sie außerdem bei der Notfallversorgung besser finanziert werden, damit keine Lücken in der Versorgung entstehen.

 

Es drohen weiße Flecken in ländlichen Gebieten

 

Immerhin, die große Koalition aus SPD und CDU plant in Niedersachsen eine Strukturreform. Die Sozialpolitiker beider Parteien wollen eine Einteilung der Krankenhäuser in Grund-, Schwerpunkt- und in Maximalversorger mit mindestens 600 Betten. Noch vor der Landtagswahl im Herbst ist eine Reform der Krankenhauslandschaft geplant, die dann in zwei, drei Jahren umgesetzt werden soll. Aber wenn sie erfolgreich wird, müssen auch die Kommunen bei den Plänen angemessen beteiligt werden. Denn sonst drohen tatsächlich weiße Flecken in der Fläche – eine Gefahr, die längst nicht allein in Niedersachsen besteht.

 


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