Wertvolle Flächen werden gebraucht

Extensivierung im großen Stil – passt dieses Modell einer gewollten Verkrautung von Flächen in der ländlichen Region noch in die Zeit?

Eine Brachfläche (Symbolbild: congerdesign)
Eine Brachfläche (Symbolbild: congerdesign)

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

Bisher gibt es keine Kurskorrektur oder gar Kehrtwende. Wenn die im vergangenen Jahr vom EU-Parlament verabschiedete Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) umgesetzt wird, muss jeder landwirtschaftliche Betrieb in Deutschland ab 2023 vier Prozent der bisher von ihm bewirtschafteten Fläche stilllegen. Ökoregelungen - die sogenannten Eco-Schemes - legen fest, wieviel Geld der Landwirt dafür aus dem EU-Topf erhält. Selbst Regionen, in den beste Anbaubedingungen herrschen, sind von der Stilllegungsmaßnahme nicht ausgenommen. Im Gegenteil: Wer über die verpflichtenden vier Prozent weiteren Fläche aus der Produktion nimmt, wird zusätzlich entlohnt.

 

Extensivierung im großen Stil. Passt dieses Modell einer gewollten Verkrautung von Flächen in der ländlichen Region noch in die Zeit? Zwar hat Deutschland bei pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln aktuell einen teilweise über 100 Prozent liegenden Selbstversorgungsgrad, doch die enorm explodierenden Energie-, Dünger- und Futtermittelkosten setzen die Höfe schon heute massiv unter Druck. Was passiert, wenn sie deshalb ihre Produktion weiter drosseln müssen?

 

Agrarminister Özdemir spielt auf Zeit

 

Bislang winkt der grüne Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir bei diesem Thema ab und beschwichtigt: Die Flächenstilllegung greife erst im nächsten Jahr. Bis dahin könne man die Situation weiter beobachten. Beim außerordentlichen G7-Agrarministertreffen vor wenigen Tagen gab es kein Signal, die GAP-Beschlüsse eventuell anzupassen. In der Schlusserklärung des Treffens wird in erster Linie die Solidarität mit der Ukraine betont und Unterstützung versprochen. Erkennbar ist in dem Papier an vielen Stellen aber die Sorge, dass sich die weltweite Lebensmittelversorgung deutlich verschlechtern könnte.

 

Und doch sollen in Deutschland wertvolle Flächen planmäßig aus der Produktion genommen werden. Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV), der jetzt zur Bilanz-Pressekonferenz geladen hatte, fordert deutlich, die Flächenstilllegungen vor dem Hintergrund der Krisenlage auszusetzen. DRV-Präsident Franz-Josef Holzenkamp: „Flächen in der jetzigen Zeit brach liegen zu lassen, wäre ebenso verantwortungslos wie der Verzicht auf züchterischen Fortschritt, Pflanzenschutz und -düngung.“ Globale Engpässe bei Brotweizen, Futtergetreide wie Mais oder Sonnenblumenöl seien angesichts der Ausfälle und Vermarktungsbeschränkungen absehbar.

 

Ein Aussetzen der Stilllegungsregelungen erst zum Beginn des kommenden Jahres käme zu spät, sagen Experten. Denn die Höfe planen schon jetzt, wie sie höchst komplexen GAP-Regelungen zur Flächenprämie umsetzen wollen. Wenn jetzt kein Kurswechsel erfolgt, darf man sich im nächsten Jahr nicht darüber beklagen, dass es an Erträgen fehlt und die Lebensmittel teuer und knapp sind.

 

Bauern: Eine ökologische Sünde

 

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), ärgert sich darüber, dass die deutsche Umsetzung der GAP außerdem vorsieht, dass man die stillgelegten Ackerflächen nicht pflegen oder zu Blühbereichen umgestalten darf. Dabei wisse doch jeder Hobbygärtner genau, welchen Mühen es macht, auf stark verunkrautetem Boden wieder Gemüse anzubauen. Die bäuerliche Interessenorganisation Freie Bauern Deutschland GmbH sieht in der Stilllegung der Flächen sogar eine „ökologische Sünde“, weil dies am Ende nur Agrarimporte aus Übersee befördere.

 

Ökologisch begründete Flächenstilllegung nach EU-Muster ist übrigens im kriegführenden Russland überhaupt kein Thema. Im Gegenteil: Nach einer Meldung von „top agrar“ wurden in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres vom russischen „Föderalen Aufsichtsdienst für die Tier- und Pflanzengesundheit“ (Rosselkhoznadzior) rund 400.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche „aufgespürt“, die überwuchert und ungenutzt waren. Bußgelder wurden ausgesprochen, Pachtverträge gekündigt und Tausende Hektar beschlagnahmt, um dort wieder Getreide und Gemüse anzubauen. 400.000 Hektar – ein Gebiet fast zweimal so groß wie das Saarland.

 


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