Verteilungskämpfe ums Getreide

  • Mit dem Ausfall der ukrainischen Getreideernte droht armen Ländern Hunger
  • Der europäische Biogasverband will Erdgas durch mehr „Energiepflanzen“ ersetzen
  • Der Landwirtschaft machen die Preisexplosionen ganz andere Sorgen
Getreidekörner, Ähren, Mehl und Brot (Symbolbild: Vugar Ahmadov)
Getreidekörner, Ähren, Mehl und Brot (Symbolbild: Vugar Ahmadov)

 

Von Michael Lehner

 

Seit Jahren verbraucht die Welt mehr Getreide als weltweit geerntet wird. Die Reserven reichen gerade noch für 27 Tage. Zu den wichtigsten Kornkammern der Erde gehört die Ukraine. Aber dort wird in diesem Frühjahr gekämpft, nicht ausgesät. Die Weltmarktpreise schießen durch die Decke, nicht nur bei Öl und Gas, sondern auch bei Mais und Weizen.

 

So weckt der Vorstoß des europäischen Biogasverbands umgehend Zweifel: Die Organisation mit Sitz in Brüssel hat als Reaktion auf den russischen Einmarsch in die Ukraine angeboten, bis zum Jahr 2030 zwei Drittel der Gaslieferungen zu ersetzen, die durch die Nord Stream 2 Leitung aus Russland kommen sollten. Bis zum Jahr 2050 könne Biogas sogar 50 Prozent des Bedarfs in der Europäischen Union decken. Also etwa die Menge, die bisher aus Russland kam.

 

Weizenpreis förmlich explodiert

 

Energiepflanzen, zumal der Mais, waren in den vergangenen Jahren ein Strohhalm fürs Überleben vieler Landwirte, nachdem die Marktpreise für Lebensmittel-Getreide kaum noch die Kosten deckten. Nun ist der Weltmarkt-Preis für Weizen schon im Vorfeld des Überfalls auf die Ukraine förmlich explodiert und mittlerweile bei rund 500 Dollar pro Tonne angekommen. Wohl noch nicht das Ende: Von den 195 Millionen Tonnen Weizen auf dem Weltmarkt kamen bei der letzten Ernte 33,5 Millionen aus Russland und 24,5 Millionen aus der Ukraine.

 

Schon kommen Hilferufe aus Ländern wie Ägypten, die auf Getreideimporte zur Ernährung ihrer Bevölkerung angewiesen sind. Aber auch für die deutsche Landwirtschaft ist der offenkundig drohende Mangel eher ein Problem als eine Chance: Die Folgen für den Futtermittelmarkt sind absehbar höhere Kosten bei ohnehin schon ruinösen Erzeugerpreisen, zumal – aber nicht nur – bei Schlachtschweinen.

 

Kein Getreide mehr für „Bio“-Sprit?

 

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft mahnt bereits, den Einsatz von Getreide zur Herstellung von „Bio“-Sprit zu stoppen. Umweltschutzverbände begleiten die Energiegewinnung aus Lebensmitteln nicht nur wegen des Hungers in Teilen der Welt schon lange kritisch: Speziell Energiemais gilt als wichtige Ursache des Artensterbens – vor allem bei Bienen und anderen Insekten.

 

Der Krieg am Schwarzmeer, warnt Andriy Yarmak von der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, werde „schon bald zu einer Zunahme von Hungersnöten auf dem Planeten führen, insbesondere in armen Ländern“. Dazu kämen „steigende Preise für Lebensmittel in vielen Industrieländern.“

 

Nachdem noch vor wenigen Wochen im Umweltbundesamt Pläne kursierten, die Steuererleichterungen für Agrar-Diesel zu streichen, fordert der Präsident des Deutschen Raiffeisenverbands nun Entlastung für Bauern und alle anderen Bürger. Alle staatlichen Abgaben auf Energie und Treibstoffe, erklärt Franz-Josef Holzenkamp, müssten auf den Prüfstand. Und es dürfe dabei keine „Denkverbote“ geben, wenn wir „weiterhin verlässlich einen signifikanten Anteil unserer Nahrungsmittel selbst erzeugen“ wollen.

 


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