Selbstkritik von der „Dorftante“ der Grünen

Grünen-Politikerin Manuela Rottmann, Parlamentarische Staatssekretärin im Agrarministerium, hat sich in der „taz“ zum ländlichen Raum geäußert

Dr. Manuela Rottmann, Parlamentarische Staatssekretärin bei dem Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft (© Bundesregierung/Steffen Kugler)
Dr. Manuela Rottmann, Parlamentarische Staatssekretärin bei dem Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft (© Bundesregierung/Steffen Kugler)

 

Von Christian Urlage

 

Wenn behauptet wird, die Grünen betrieben eine stadtzentrierte Bundespolitik, dann erwartet man so eine Einschätzung wohl vorrangig in Kreisen der Unionsparteien. Doch genauso sieht das ausgerechnet eine Politikerin der Umweltpartei selbst: Manuela Rottmann, seit Dezember Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Die aus Franken stammende Juristin machte kürzlich in einem lesenswerten Interview der linksalternativen „taz“ erstaunliche Aussagen über ihre eigene Partei.

 

„Der ländliche Raum war in der Grünen-Fraktion in der Vergangenheit nicht sehr stark repräsentiert“, stellt Rottmann ebenso selbstkritisch wie zutreffend fest. „Und in den letzten vier Jahren war die ganze Bundespolitik in meiner Wahrnehmung sehr ballungsraum-zentriert“, sagt die 49-jährige, die vom Interviewer der „taz“ ironisch als „Dorftante“ bezeichnet wird. Zuletzt sei der ländliche Raum hauptsächlich im Zusammenhang mit der AfD und Ostdeutschland vorgekommen. „Statt mit den Leuten zu reden, erforschen viele den ländlichen Raum wie fremde Galaxien und denken sich dann etwas dafür aus“, lautet eine weitere Einschätzung.

 

Einen Grund für die einseitige Sicht auf das Land sieht Rottmann zu Recht darin, dass fast alle Journalisten, die Artikel über die Bundespolitik verfassen, selbst in der Stadt leben und im eigenen Alltag mit den Problemen von Metropolen wie der Wohnungssuche oder vollen S-Bahnen konfrontiert werden. „Das Schlimmste ist, wenn Großstädter denken, sie hätten den ländlichen Raum verstanden, und dann darüber schreiben“, meint sie.

 

„Menschliche Beziehungen auf dem Dorf sind intensiver als in der Stadt“

 

Rottmann stammt aus einer CSU-Familie und tituliert sich auf Twitter als „Freilandei“. Sie kennt die Sichtweise der Städter ebenso wie die der Landbewohner: Aufgewachsen ist sie in Hammelburg im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen, ab 2006 war sie sechs Jahre Dezernentin für Umwelt und Gesundheit in Frankfurt am Main. Aber irgendwann hatte die Juristin die Mainmetropole satt und kehrte in den Norden Bayerns zurück, wo sie sich wohler fühlt. Die menschlichen Beziehungen auf dem Dorf seien intensiver als in der Stadt, wo es oberflächlicher zugehe, sagte die Staatssekretärin der „taz“

 

„Auf dem Land auf das dritte oder vierte Auto verzichten“

 

Weil die grüne Realpolitikerin beide Perspektiven kennt, wurde sie in den Koalitionsverhandlungen mit der Leitung der Arbeitsgruppe „Stadt und Land“ betraut. Eine Arbeitsgruppe, die zustande kam, weil die Grünen bei der Bundestagswahl auf dem Land enttäuschende Ergebnisse einfuhren. Im Wahlkampf habe man die Stadtperspektive auch der Bundestagskampagne der Grünen angemerkt, meint Rottmann. Sie selbst warb vor der Wahl dafür, auf dem Land auf das dritte oder vierte Auto in einer Familie zu verzichten. Wer im Dorf wohnt, wird dieses Mobilitätsziel verstehen – doch viele ihrer Parteifreunde dürften sich verwundert die Augen gerieben oder sich sogar empört haben. Denn eine „Dorftante“ wie Manuela Rottmann ist bei den Grünen immer noch so selten wie ein weißer Rabe.

 


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