Die Kirche im Dorf lassen?

Die Wut des Kirchenvolks macht sich sogar in Dörfern Luft, die als Hochburgen des bedingungslosen Glaubens galten

Die Kirche von Inzell im Chiemgau (Symbolbild: Daniel Stuhlpfarrer)
Die Kirche von Inzell im Chiemgau (Symbolbild: Daniel Stuhlpfarrer)

 

Von Michael Lehner

 

Den Dörfern wird eine Institution fehlen, wenn Kleriker das Ansehen des Glaubens verspielen. Das zeichnet sich ab, wenn die Sünden der Vergangenheit in den Kirchen nicht systematischer und offener gesellschaftsverträglich aufgearbeitet werden. Aufkommende Reformansätze mit der immer noch erkennbar bescheidenen Bereitschaft, von oben an die Wurzeln zu gehen, prägen die sichtbaren Debatten. Um Gegenwart und Zukunft der Kirchen und ihrer Institutionen gesellschaftlich glaubwürdig neu auszurichten, geht es darum, auch das zukunftsfest zu sichern, was sich durchweg mit großem Engagement kirchlicher Mitarbeiter und Ehrenamtlicher in Einrichtungen wie Krankenhäusern, Kindergärten, Bildungshäusern, Hilfsorganisationen, Freizeiteinrichtungen und Begegnungsstätten an sozialer und kultureller Arbeit verbirgt. Das ist gesellschaftsrelevant und findet überall statt. In Großstädten ist das aber nicht so sichtbar und bedeutsam für den Zusammenhalt der Bürgerschaft, wie in Dörfern und kleineren Städten.

 

Logisch, den Glockenschlag der Kirchturmuhren braucht keiner mehr im Zeitalter der Mobiltelefone. Heiraten und Sterben geht gegebenenfalls auch ohne Pfarrer. Und den Beichtstuhl kann womöglich der Psychotherapeut ersetzen – wenn er denn Termine frei hat. Nur komisch, dass große Hochzeiten Hochkonjunktur haben. Dass die Menschen sich in Trauben drängen bei traditionellen Prozessionen, nicht nur im barocken Bayern. Und dass Gotteshäuser nach wie vor zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der europäischen Tourismus-Regionen zählen. 

 

Zu erinnern ist mehr noch an die unzähligen Dorfpfarrer, die sich jede Mühe machen, um junge Menschen jenseits von Instagram und TikTok an Gemeinschaft zu gewöhnen. Die das Miteinander predigen, gerade in Zeiten von Fremdenhass und Shitstorm. Die sich auch mal einmischen, wenn Dorfpolitik aus dem Ruder läuft. 

 

Schaden abwenden oder Wahrheit vertuschen?

 

Alle diese guten Geister scheinen beträchtliche Teile der Kirchenoberen verlassen zu haben, wenn sie nun taktieren wie Winkeladvokaten. Scheinbar, um Schaden abzuwenden. In Wahrheit aber hauptsächlich, um Wahrheit zu vertuschen. Kirchenferne kennen für solches Verhalten schon lange den Begriff des Jesuitischen. Er steht für die eingebildete Überlegenheit geschulter Dialektik. Aus einer Zeit, in der sich Kirche und Feudalherrschaft noch sehr, sehr nahe waren.

 

So manche Würdenträger wirken in diesen Tagen wie aus der Zeit der Fürstbischöfe gefallen. Andere mühen sich redlich um Verantwortung. Sie sehen die Chance, das in Seenot geratene Kirchenschiff endlich sturmfest zu machen: Mit mehr Teilhabe der Frauen, mit mehr Barmherzigkeit für bisher verpönte Lebensformen, vielleicht sogar ohne Zölibat.

 

Das Kreuz steht für Heimat und Orientierung

 

Nichts von dem, was Traditionalisten mit wenig christlichen Methoden verteidigen wollen, gehört zum Kern des Christenglaubens. Der Starrsinn gehört auch nicht zur Kompetenz in Fragen des menschlichen Miteinanders, das bis heute viele Dörfer prägt. Nachdem die Metropolen schon verloren gingen, weil es nicht gelungen ist, den Menschen in den Ballungsräumen das Gefühl zu geben, dass das Kreuz für Heimat und Orientierung stehen kann.

 

Die nur zu berechtigte Wut des Kirchenvolks macht sich aktuell sogar in Dörfern Luft, die bis in unsere Tage als Hochburgen des bedingungslosen Glaubens galten. Bis ihnen die Kirchenobrigkeit amtsbekannte Kinderschänder auf die Kanzeln und in die Beichtstühle schickte. Und zu ihren Kindern, die sie in solcher Obhut sicher wähnten.

 

Möglich, dass der greise Ex-Papst nur schlecht beraten ist, wenn er erst im zweiten Anlauf einräumt, dass er als Münchner Erzbischof am Rande involviert war. Es ging seinerzeit um Barmherzigkeit für einen übergriffigen Priester. Sie hätten ihn besser in die Therapie geschickt und nicht in die weiß-blaue Provinz.

 

Unmögliches von Bischof Voderholzer

 

Aber ganz und gar unmöglich, dass der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer auf Erklärungsversuche zurückgreift, die an die üble Libertinage pädophiler Wachträume des vergangenen Jahrhunderts erinnern. Etwa mit dem Verweis auf die abenteuerliche Hypothese, dass Strafverfahren die betroffenen Kinder womöglich mehr belasten als die Missbrauchstaten selbst. Er hat das im Nachhinein relativiert bzw. in Teilen entschuldigend reagiert, als er plötzlich von einer Welle der Empörung erfasst wurde. 

 

Nicht nur in den tiefkatholischen Teilen Bayerns und Baden-Württembergs macht sich verständlicher Unmut Luft. Wie eine Wut, die tief enttäuschter Liebe folgt. Der Kirche ist in solcher Not jene Barmherzigkeit zu wünschen, an der es so manchen ihrer Würdenträger bis heute mangelt. Bald beginnt die Fastenzeit. Traditionell ein Grund, in sich zu gehen.

 


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