Wut und Enttäuschung

Betroffene aus den Flutgebieten wissen bis heute nicht, wie sie Reparaturen und Wiederaufbau finanziell stemmen sollen

Das überflutete Dorfzentrum von Monreal in der Eifel während des Elz-Hochwassers. Aufgenommen am 15 Juli 2021. (Beispielbild: iStock/Markus Volk)
Das überflutete Dorfzentrum von Monreal in der Eifel während des Elz-Hochwassers. Aufgenommen am 15. Juli 2021. (Beispielbild: iStock/Markus Volk)

 

Von Wolfgang Kleideiter

 

Das Geld fließt. Aber so langsam, dass Betroffene des verheerenden Sommerhochwassers im Ahrtal und anderen Eifel-Regionen, in Hagen und Wuppertal, im Kreis Euskirchen, dem Rhein-Sieg-Kreis sowie in Teilen des Bergischen Landes bis heute nicht wissen, wie sie Reparaturen und Wiederaufbau finanziell stemmen sollen. Nur wenige haben nach Berichten örtlicher Medien bisher größere Beträge erhalten. Die allermeisten kämpfen nach der Flut mit dem Papierkram, müssen Gutachten und Kostenvoranschläge für 40 Seiten lange Antragsschreiben heranholen. Und nach einer Bewilligung müssen sie weitere Wochen auf eine erste Auszahlung warten.

 

Die Soforthilfe reichte nur für das Nötigste, jetzt sind hohe Summen und Vorschüsse gefragt. Während der Staat Anträge in einem offensichtlich sehr komplizierten Verfahren bearbeitet, gehen zudem manche Versicherungen für Elementarschäden in Deckung. Keine Frage, die Branche hat ein schweres Jahr 2021 erlebt. Doch darf dies kein Grund dafür sein, dass man spitzfindig zwischen Starkregen vor Ort oder einer durch Starkregen im Nachbarort ausgelösten Überflutung unterscheidet, um sich vor einer Zahlung zu drücken.

 

Warum wird es den Opfern der Flut so schwer gemacht?

 

„Wut, Enttäuschung, Resignation.“ So beschrieb erst vor wenigen Tagen Horst Gies, Erster Kreisbeigeordneter in Ahrweiler, die Stimmungslage vieler Bewohner. Dass die Landesregierungen und die zuständigen Fachministerien angesichts des zunehmenden öffentlichen Drucks jetzt ein höheres Tempo versprechen, ist nicht überraschend. Bleibt die Frage, warum man es den Opfern der Jahrhundertflut vom Juli 2021 so schwer macht. Allein an der Ahr wurden 467 Gebäude vom Wasser mitgerissen, darunter 192 Wohnhäuser. 4200 Gebäude wurden beschädigt.

 

Zu den Existenzsorgen gesellt sich die Angst vor einer nächsten Überflutung. Als am 5./6. Februar das Tief Roxana über Deutschland zog, wurden an der Ahr und an vielen anderen Flüssen und Nebenflüssen die Hochwasserstände mit Sorge beobachtet. In Kreis Ahrweiler patrouillierte die Feuerwehr am Wasser, Kreis-Katastrophenschutz und THW standen in Bereitschaft. Fundamente einer gerade erst aufgebauten Behelfsbrücke mussten verstärkt werden. Auch an Erft, Rotbach und Swist herrschte Alarmstimmung, als die Pegel kurzzeitig anstiegen.

 

Neudefinition der Hochwassergebiete

 

Starkregen dürfte künftig häufiger auftreten, sagen Meteorologen. Talsperren und Rückhaltebecken genügen nicht mehr, um die Fluten zu bändigen. Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben nach dem Schrecken des Sommers damit begonnen, den Hochwasserschutz anzupassen. In erster Linie allerdings auf dem Papier. Bisher haben Enquetekommission hier und Expertenrat dort vor allem analysiert, diskutiert und Arbeitspläne entwickelt. Vor Ort läuft der Wiederaufbau. Hochwassergebiete wurden in Karten neu bestimmt, Ersatzbaugebiete ausgeguckt.

 

Suche nach Fehlern und Verantwortung

 

Dass in der Vergangenheit vieles nicht bedacht und beachtet wurde, liegt auf der Hand. Die Parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, die in beiden Bundesländern im Herbst ihre Arbeit aufgenommen haben, fördern fast in jeder Sitzung neue Mängel wie fehlenden Hochwasserschutz an der Kiesgrube in Erftstadt-Blessem und Fehler wie die viel zu später Warnung der Menschen im Ahrtal zutage. Dabei gehört es leider zum politischen Geschäft, eine Mitverantwortung für Tote, Verletzte und Geschädigte möglichst von jenen fernzuhalten, die eine zentrale Rolle auf der Bühne spielen. Doch der Versuch, die Öffentlichkeit mit Bauernopfern zu täuschen, ging schon mehrfach schief. Auch wenn Ressortverantwortliche erst zur Tagesschau-Zeit den Ausschüssen als Zeuge zur Verfügung stehen, können sie sicher sein, dass davon Notiz genommen wird. Die Bevölkerung lässt sich angesichts der eingebrannten Bilder dieser Katastrophe nicht hinters Licht führen.

 

Die Fehler wurden in größerer Zahl an verschiedenen Stellen gemacht. Hannah Cloke, britische Professorin für Hydrologie und seit Jahrzehnten Beraterin des europäischen Hochwasserwarnsystems EFAS, war angesichts der hohen Opferzahl und Schäden in Deutschland geradezu erschüttert. Bis zum 14. Juli 2021 hatten EFAS und der Deutsche Wetterdienst in wenigen Tagen insgesamt 25 Benachrichtigungen an verantwortliche Stellen verschickt und vor den extremen Hochwassern in den betroffenen Gebieten gewarnt.

 


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