To-Go oder No-Go? Das ist hier die Frage

Tübingen erhebt eine Abgabe für Einwegverpackungen und stellt damit das Geschäftsmodell der gesamten Fast-Food-Branche zur Disposition

Müllberg aus To-Go-Bechern und Einwegverpackungen (Symbolbild: Filmbetrachter)
Müllberg aus To-Go-Bechern und Einwegverpackungen (Symbolbild: Filmbetrachter)

 

Von Wolfgang Molitor

 

Wenn man das Projekt groß denkt, dann stellt Tübingens Oberbürgermeister das Geschäftsmodell der gesamten Fast-Food-Branche zur Disposition. Denn nicht nur Imbissbuden, To-Go-Kaffees, Bäckereien, Metzgereien oder Tankstellen müssen im Kleinen von Jahresanfang an in der grünen schwäbischen Universitätsstadt für jeden Wegwerfbecher oder Einwegteller 50 Cent, für jedes Einwegbesteckteil 20 Cent bezahlen - pro Mahlzeit gedeckelt bis 1,50 Euro. Betroffen ist auch ein Müll-Gigant wie McDonald’s, dessen Burger bundesweit erheblich teurer würden, sollte sich Boris Palmer am romantischen Neckarufer durchsetzen. Klar, dass die Betreiberin der örtlichen Filiale beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim Klage eingereicht hat und dabei vom McDonald’s - Konzern unterstützt wird. Schließlich geht es ums Eingemachte.

 

Dabei meint es Palmer eigentlich mit seinem Städtchen nur gut. Wieder einmal. Und wieder mal mit bundesweitem Aufschlag und ökomissionarischem Eifer. Einige der rund 460 betroffenen Betriebe haben schon eingelenkt. Sie bieten Currywurst und Pommes frites in wiederverwertbaren Plastikschälchen an. Weil es einsichtig ist, dass es pure Verschwendung ist, für den kurzen Moment des Verzehrs eine aufwendige Verpackung herzustellen. Palmer rechnet immerhin mit etwa einer Million Coffee-to-go-Bechern, die sich jährlich allein in Tübingen einsparen ließen.

 

Doch ganz so einfach ist sein Vorstoß nicht. Sicher: Wer den Müll anbietet und in Umlauf bringt, muss dafür die harte pädagogische Hand des grünen Oberbürgermeisters spüren. Das ist eine Frage von Ursache und Wirkung. Aber was ist mit all jenen Müllwegwerfern, die sich demnächst einbilden könnten, mit dem entrichteten höheren Preis jetzt das Recht zu haben, ihren Müll am Straßenrand oder um Parkbänke herum zurückzulassen? Die Dreckspatzen sind fast mehr das Problem als gedankenlose Frittenbudenbesitzer, wenn es um Müllvermeidung geht.

 

Muss man wirklich immer öfter überall essen?

 

Und überhaupt: Muss man denn wirklich immer öfter im Gehen essen, in Grünanlagen, am Flussufer, in Einkaufspassagen, auf Parkplätzen und wer weiß wo sonst noch? Muss man mit Plastikflaschen (wenn auch mit Pfand) durch die Fußgängerzonen pilgern, als ob die nächste überlebenswichtige Oase erst in drei Tage am Horizont auftauchen würde? Ist das Kauen und Mampfen im öffentlichen Raum ein Zeichen von Mobilität und Freiheit? Oder oft nicht doch ein Armutszeugnis von fehlender Ordnung und Disziplin? Von fehlender ökologischer Gesamtverantwortung ganz zu schweigen.

 

To-go oder No-Go, das ist hier die Frage. In Tübingen steht der Öko-Hamlet nicht im Vordergrund. Aber es gibt sie nicht erst seit Boris Palmer. Schon 1992 hatte Kassel eine Verpackungssteuer beschlossen, doch das Bundesverfassungsgericht kippte den mutigen Vorstoß, weil sie damals dem Abfallrecht widersprach. Seitdem haben sich nicht nur nicht die Zeiten geändert, sondern auch das Problembewusstsein und die Rechtslage.

 

McDonald’s lässt Mehrwegpfandsystem testen

 

Nicht nur McDonald’s weiß, dass es so nicht bleiben kann. In München und Berlin lässt der größte Systemgastronom in Deutschland ein Mehrwegpfandsystem testen, das Ende 2022 in allen Filialen auf den Weg gebracht werden soll. Und ab 2023 müssen Kunden im Rahmen der beschlossenen gesetzlichen Mehrwegpflicht in Restaurants, Imbissen und Cafés beim Straßenverkauf neben Einwegverpackungen auch Mehrwegvarianten angeboten werden. Ausgenommen sind Gaststätten mit höchstens 80 Quadratmetern Fläche und maximal fünf Angestellten. Anders gesagt: ausgenommen die Mehrheit der Anbieter.

 

Da macht Tübingen nicht mit. Am Neckar ist alles, was für den sofortigen Verzehr mitgenommen wird, abgabepflichtig – vom Warmhaltepapier für Leberkäswecken bis zum kunststoffbeschichteten Papier an der Ladentheke. Ob das wirklich viel hilft, muss sich in den nächsten Monaten zeigen.

 

Solange der Verbraucher nicht umdenkt und mithilft, sind Zweifel erlaubt.

 


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