Der Automarkt spielt verrückt

Autos auf einem Parkplatz (Symbolbild: niekverlaan)
Autos auf einem Parkplatz (Symbolbild: niekverlaan)

 

Von Jürgen Muhl

 

Der ID.4 sollte am 22. November in der Redaktion angeliefert werden. Als Testfahrzeug, wie üblich zwei Wochen lang. Daraus wird vorerst nichts. Volkswagen hat - wie fast alle anderen Hersteller auch - Fertigungs- und somit Lieferprobleme. Es gäbe Engpässe in der Teileverfügbarkeit, in diesem Fall bei den Halbleitern, meldet das Wolfsburger Management. Anfang des neuen Jahres werde ein neuer Testtermin angeboten angeboten, heißt es weiter.

 

Auf Nachfrage lässt das Werk wissen, bis zur Bereitstellung des mit großen Vorschusslorbeeren angekündigten Vollstromers ID.4 könnten schon weitere vier bis fünf Monate vergehen. Ein Vorgang, der für die gegenwärtigen Probleme in der gesamten Automobilszene steht. Und er steht so fest, als wären die Bremsen auf Monate festgefroren. Der gesamten Volkswagen-Konzern, auch die Nobelmarke Porsche, ist betroffen. Wie auch BMW, Mercedes-Benz oder Ford.

 

Vorteil für Importeure aus Fernost

 

Ein klein wenig besser sieht es bei einigen der Importeure aus Fernost aus. So bei den Japanern wie Toyota, Honda oder Mitsubishi, bei denen der Chipmangel offenbar nicht ganz so groß ist. Hier zahlt sich die Nähe zu den asiatischen Fabriken, die in der Halbleiter-Industrie zu Hause sind, aus. So mancher Autobesitzer, der bislang deutsche Marken bevorzugte, hat gewechselt. "Aus purer Not", wie es Händler deutscher Fabrikate mit einem Hang zur Überheblichkeit kolportieren. Mit dieser könnte es aber schon bald vorbei sein.

 

Der Handel hat eine schwere Zeit hinter sich und sieht sich womöglich auch in den nächsten Monaten von der Knappheit neuer Modelle betroffen. Die Marken des Volkswagen-Konzerns haben auch im Oktober insgesamt deutlich weniger Fahrzeuge verkaufen können als vor einem Jahr. So gingen die Auslieferungen verglichen mit demselben Monat 2020 um gut ein Drittel (33,5 Prozent) auf weltweit 600. 900 Stück zurück. Und ein Ende der Chip-Lieferkrise ist nicht abzusehen.

 

Daimler-Chef: Halbleiter bleiben knapp

 

Halbleiter werden nach Einschätzung von Daimler-Vorstandschef Ola Källenius auch im gesamten kommenden Jahr knapp bleiben. Die Lage bei den Chips sei „sehr volatil“ und mitunter von Unsicherheit und Sprunghaftigkeit geprägt, sagte Källenius in dieser Woche. Die größten Chiphersteller berichten laut Källenius, dass Angebot und Nachfrage sich auch im kommenden Jahr nicht ausgleichen werden. „Es wird uns im Kalenderjahr 2022 definitiv auch beschäftigen, sagte der Vorstandsvorsitzende.

 

Dies alles hat deftige Auswirkungen auf den Gebrauchtwagenmarkt. Noch nie musste für einen Gebrauchten in Deutschland so viel Geld aufgewendet werden wie in diesem Herbst. Laut Online-Plattform Autoscout 24 sind die Preise im Vergleich zum Vorjahr im Durchschnitt um rund 4.000 Euro pro Fahrzeug  gestiegen. Die Preise der Gebrauchten steigen im Gleichschritt. Jeden Tag. Überraschend dabei: Gefragt sind vor allem größere SUV-Modelle wie BMW X5 oder teure Fahrzeuge der Audi Q-Gruppe. Allen voran Porsche Macan oder Cayenne. "Da werden schon mal Traumpreise gezahlt", sagt ein Hamburger Porsche-Händler.

 

Weniger Neuwagen zugelassen

 

Für den angespannten Gebrauchtwagenmarkt gibt es mehrere Gründe. So wurden 2020 wegen Pandemie und Lockdown ein Fünftel weniger Neuwagen zugelassen. Die fehlen jetzt. Verkaufsinstrumente wie Tageszulassungen, Vorführwagen oder Jahreswagen sind derzeit auf dem Markt nicht mehr zu finden. Nicht, weil es der Handel nicht nötig hat. Ihm fehlen schlichtweg die Autos. Dazu mangelt es an Leasing-Rückläufern, weil ein Großteil der Kunden ihre Verträge um bis zu 90 Tage verlängern. Häufig zu verteuerten Konditionen. Hauptsache, ein Auto steht vor der Tür. Der Markt spielt verrückt. Und so wird es wohl noch einige Monate bleiben.

 

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