Die Pendler nicht übergehen

 

Von Jürgen Wermser

 

In Berlin herrscht leise aber äußerst rege Betriebsamkeit. Kaum etwas dringt aus den Koalitionsverhandlungen von SPD, Grünen und FDP nach draußen. Ein solches Maß an Vertraulichkeit ist sonst auf Bundesebene selten. Viele Bürger empfinden diese Art des Umgangs als positiv. Ob sie die gleichen Gefühle haben, wenn am Ende die Ergebnisse vorliegen, steht auf einem anderen Blatt.

 

Denn insbesondere für die Bewohner des ländlichen Raums steht momentan viel auf dem Spiel. Sie müssen befürchten, zum Wohle des Klimaschutzes im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen über Gebühr zahlen zu müssen. Um nichts anderes geht es, wenn etwa über einen massiven Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) und den gleichzeitigen Abbau der Pendlerpauschale diskutiert wird. Denn - überspitzt formuliert - mehr Geld für den ÖPNV nutzt in erster Linie den Ballungszentren, während eine Reduzierung oder gar ein Aus der Pendlerpauschale für den ländlichen Raum kaum zu verkraften ist.

 

Schlechte Busverbindungen auf dem Land

 

So ergab kürzlich eine Mobilitätsstudie des Deutsche Bahn (DB)-Tochterunternehmens ioki, dass 27 Millionen Deutschen, die in Metropolregionen und Großstädten leben, ein sehr guter öffentlicher Nahverkehr zur Verfügung steht. Für 55 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern, die im Umland und im ländlichen Raum wohnen, gibt es zwar ein dichtes Netz an Haltestellen. Doch weniger als die Hälfte davon wird mehr als zweimal pro Stunde bedient. Hingegen haben 90 Prozent der Großstadtbürger mindestens einen Stundentakt. Ganz abgesehen davon: In der Stadt ist die nächste Haltestelle oft um die Ecke. Auf dem Land kann der Weg zur nächsten Haltestelle dagegen schon sehr weit und etwa für Senioren oft ohne Auto kaum zu bewältigen sein.

 

Natürlich wäre es ökologisch sinnvoll, wenn überall mehr Menschen auf Busse und Bahnen umsteigen würden. Allerdings ist dies im ländlichen Raum aktuell häufig nicht möglich. Zwar ist auch dort ein besserer ÖPNV grundsätzlich wünschenswert, aber er kann für Millionen Menschen bestenfalls in ferner Zukunft eine realistische Alternative sein. Dafür sind einfach die Räume zu groß und die Kosten zu hoch. Das bedeutet aktuell für die laufenden Koalitionsverhandlungen: Es muss auch Bewohnern des ländlichen Raums finanziell erträglich bleiben, mit dem Auto zur Arbeitsstelle zu fahren.

 

Teil des Familienbudgets

 

Gerade für junge Familien auf dem Land war und ist die Pendlerpauschale ein wichtiger Teil des Haushaltsbudgets. Sie wünschen sich zwar wie fast alle Bürger entschiedene Maßnahmen gegen den Klimawandel. Aber dabei sollte es sozial fair und gerecht zugehen. Anders ausgedrückt: Junge Leistungsträger auf dem Land hätten kein Verständnis, wenn ihnen in existenzbedrohender Weise Gelder gestrichen würden, nur damit mehr Großstadtbürger in Berlin, Hamburg oder München besser und billiger den ÖPNV nutzen könnten…

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